Vom bewussten Umgang mit begrenzter Zeit – Bericht eines Zeitpioniers

Thesen

Dass ich ein Zeitpionier bin, ist für mich noch eine relativ neue Erkenntnis. Laut Karl Hörning ist ein Zeitpionier jemand, „der durch die Flexibilisierung seiner Arbeitszeit [seine; GJ] eigenen Zielvorstellungen in Arbeit und Alltag verwirklicht [hat; GJ]“.1 Flexibilisierung meint hier jedoch nicht die neoliberale Flexibilisierung, nach welcher ganz im Sinne der Arbeitgeber die Arbeitskraft flexibel je nach Bedarf eingesetzt werden kann, sondern unter Flexibilisierung ist hier zu verstehen, dass Arbeit im Sinne der Arbeitnehmer so zur Verfügung gestellt wird, wie es mit ihren Lebensvorstellungen zu vereinbaren ist. Der Arbeitnehmer behält also die Verfügungsgewalt über seine Zeit auch dann, wenn er seine Arbeitskraft verkauft. Ein Zeitpionier löst sich von der zeitlichen Taktung des „Normalarbeitsverhältnisses“, bleibt aber Teil der Arbeitsgesellschaft. In diesem Essay möchte ich kurz aufzeigen, wie dieses Leben eines Zeitpioniers aussieht, was Beweggründe dafür sind und welche Voraussetzungen es braucht. Anschließend werde ich einige Thesen in diesem Zusammenhang diskutieren.

Ein Zeitpionier ist kein Aussteiger aus der Arbeitsgesellschaft

Im Zuge der Finanz- und Wirtschaftskrise von 2007/2008 haben sich die Ungleichzeitigkeiten unserer Gesellschaft verschärft. Gerade die prekär Beschäftigten verloren vielfach ihren Job oder sind seither besonderer Unsicherheit ausgesetzt. Während bis zur Krise der Glaube an die Selbstregulierung des Marktes und die (Leistungs-)Gerechtigkeit der Wettbewerbsgesellschaft noch dominant war, offenbarte die Krise die Willkürlichkeit und Unberechenbarkeit des Marktes sowie die mangelnde Gestaltungsmöglichkeit des eigenen Schicksals. Die Reaktionen auf diese Erfahrung sind vielfältig. Im Wesentlichen können sich jedoch drei Typen unterscheiden lassen:

  1. Der neoliberale Flexibilisierer vertraut weiterhin auf seine eigene Wettbewerbsfähigkeit auf dem Arbeitsmarkt und versucht diese durch eine zunehmende Flexibilisierung angesichts einer sich verstärkenden Wettbewerbsintensität auszubauen. Seine materielle Absicherung ist weiterhin abhängig von seinem persönlichen Erfolg im Wettbewerb. Er wird zum unternehmerischen Selbst.
  2. Der fordistische2 Stabilisierer versucht sich dem Arbeitsmarkt zu entziehen. Angesichts der Unberechenbarkeit des Marktes zieht es ihn in stabile fordistische Arbeitsverhältnisse, welche sicher, unbefristet und sozialversichert sind. Seine materielle Absicherung wird durch Tarifvereinbarungen und staatliche Regulierung gewährleistet.
  3. Der transformatorische Zeitpionier vertraut zwar auf seine eigene Wettbewerbsfähigkeit, versucht jedoch, sich zugleich vom Arbeitsmarkt unabhängig zu machen. Angesichts der Krisenerfahrung und der Agenda 2010 glaubt er jedoch weder an die Stabilität des Marktes noch an die Stabilität fordistischer Arbeitsverhältnisse. Seine materielle Absicherung steht nicht in seinem Fokus, stattdessen vollzieht er eine Umorientierung von materiellem Wohlstand hin zu temporalem Wohlstand. Ein Zeitpionier ist kein Aussteiger aus der Arbeitsgesellschaft, sondern jemand, der bewusst mit seiner Zeit umgeht und sich von der zeitlichen Taktung des Normalarbeitsverhältnisses löst.

Zeitliche Ungleichheit

Doch wodurch zeichnet sich das Pionierhafte meines Umgangs mit Zeit aus? Die bewusste Auseinandersetzung mit unserem industrialisierten Zeitregime hat bei mir schon früh begonnen. Wecker und Uhren habe ich weitestgehend aus meinem Leben entfernt. Dies ist sicherlich ein Privileg einer akademischen Laufbahn; wobei ich mir zumindest die Frage stelle, ob dieses Privileg auf Akademiker beschränkt sein muss. Meine Mutter stand in der mobilen Pflege einen Großteil ihres Lebens unter dem Diktat der Zeit, musste stets zu festgelegten Uhrzeiten an fixen Orten sein. Wenn sie mittags zuhause war, stand stets der Wecker im Hintergrund, der sie zur zweiten Schicht rief. Doch wäre irgendein Patient von ihr schlechter versorgt gewesen, wenn sie einen Moment später als geplant erschienen wäre?

Warten wird in unserer Gesellschaft als vertane Zeit angesehen. Doch Warten ist überhaupt erst eine Folge unseres Zeitregimes. Warten entsteht erst dadurch, dass man einen fixen Termin vereinbart hat. Dass man auf den Techniker der Telekom oder den Handwerker wartet, scheint völlig normal zu sein. Hier werden meist ganze Tage genannt, an denen sie vorbeikommen könnten. In den mehrheitlich von Frauen ausgeführten Sozialberufen geht es hingegen um Minuten. Der Umgang mit Zeit in unserer Gesellschaft unterscheidet sich demnach auch zwischen den Geschlechtern sehr deutlich.

Grenzen der Berufung

Häufig wird mir entgegnet, dass meine Kritik am Normalarbeitsverhältnis daher rührt, dass ich bisher meine Berufung noch nicht gefunden hätte. Dabei habe ich das Glück, mich bei meiner Arbeit mit meinen eigenen Themen beschäftigen zu können. Ich arbeite zu Postwachstumsgesellschaften, sozial-ökologischer Transformation und Grüner Ökonomie, bin beruflich also auf der Suche nach den Bedingungen für eine Wirtschafts- und Gesellschaftsweise, die sozial und ökologisch nachhaltig ist. Also auch eine Gesellschaftsform, in der Zeitwohlstand und Suffizienz zum neuen Mainstream geworden sind. Auch freiberuflich halte ich Vorträge und schreibe Bücher zu diesem Thema. Dennoch hat diese Berufung ihre Grenzen.

Vier-In-Einem-Perspektive

Denn das Leben ist mehr als Berufung. Frigga Haug spricht von der Vier-In-Einem-Perspektive: Erwerbsarbeit, Sorgearbeit, politische Arbeit und Muße seien vier gleichberechtigte Bereiche eines erfüllten Lebens. Zumindest auf mein Verständnis von einem Guten Leben trifft diese Vierteilung zu. Neben meiner Erwerbsarbeit beim Institut für ökologische Wirtschaftsforschung bin ich bei Attac, dem Netzwerk Wachstumswende, der Yoga-Linken und den Zeitpionieren politisch tätig. Ich organisiere ehrenamtlich Vorträge, Lesekreise, Kongresse und Kampagnen zu den Themenfeldern Postwachstum, Zeitwohlstand und Suffizienz. Mir ist es wichtig, aktiv zu einer sozial-ökologischen Wende beizutragen. Nicht bloß theoretisch, sondern auch ganz praktisch.

Zeitwohlstand muss ermöglicht werden

Dabei will ich mit meinem Lebensentwurf übrigens nicht missionieren. Für mich ist das eine ganz persönliche Entscheidung, die ich gar nicht als vorbildlich ansehe, die ich aber gerne auch anderen ermöglichen möchte. Laut einer aktuellen Studie3 glauben 40 Prozent der Deutschen, dass ein Verzicht auf Konsum und Karriere ihre Lebensqualität eher steigern würde. Die politische Frage ist doch nicht so sehr, weshalb noch immer 44 Prozent der Deutschen Konsum und Karriere mit Lebensqualität verbinden – das bleibt letztlich eine individuelle Entscheidung −, sondern weshalb die anderen 40 Prozent dennoch einen Lebensweg verfolgen müssen, der aus Konsum und Karriere besteht.

Kinder brauchen vor allem Zeit

Ein häufiger Vorwurf, der mir gegenüber geäußert wird, ist, dass ich mich als Zeitpionier nicht um meine Familie sorgen würde. Tatsächlich durfte ich erst vor kurzem bei einem Arbeitskollegen beobachten, wie dieser nach der Geburt seiner zweiten Tochter seine Arbeitszeit erhöht hat. Mich hat diese Reaktion nachhaltig irritiert. Ich selbst habe noch keine Kinder, doch irgendwie erscheint mir eine Gesellschaft natürlicher, in welcher man seine Arbeitszeit nach der Geburt seines Kindes reduziert anstatt diese zu erhöhen. Mir ist vollkommen klar, dass mein Arbeitskollege schlichtweg das höhere Einkommen benötigt, um seine Familie zu finanzieren. Doch lassen wir meinen Kollegen mal beiseite und schauen uns an, welche Konsequenz diese gesellschaftliche Logik hat. Die Sorgearbeit erhöht sich durch das zweite Kind ja ebenfalls, wird in unserer Gesellschaft häufig auf die weiblichen Mitglieder ausgelagert und führt überdies zu einer Überlastung dieser jungen Familie. Für mich ist Sorgearbeit ein gleichberechtigter Teil des Lebens, dem ich mich wie die meisten gerne widme. Sorgearbeit sollte nicht als Belastung gesehen werden, wodurch Karrierechancen reduziert werden, sondern als einer der wesentlichsten Bestandteile des Lebens. Kinder brauchen vor allem Zeit. Wenn früher ein Gehalt gereicht hat, um eine Familie zu ernähren, sollten es heute zwei halbe Gehälter auch tun.

Muße will gelernt sein

Während ich für meine Wertschätzung der Sorgearbeit und der politischen Arbeit noch auf viel Gegenliebe stoße, wird der vierte Bereich eines Guten Lebens, die Muße, oft mit Nichtstun gleichgesetzt. Häufig ist eben dies auch die Erfahrung, die man macht, wenn man in einem Normalarbeitsverhältnis steckt. Dabei ist Muße elementar, um sich selbst zu erfahren, sich selbst besser kennenzulernen. Auch ich gehöre zu denjenigen, die nach einem Acht-Stunden-Tag im Büro ihre Mußezeit passiv konsumierend mit Nichtstun verbringen. Mußezeit will erlernt oder besser nicht verlernt sein. Kinder haben in der Regel sehr viel Mußezeit, doch hat das, was sie da tun, mit Nichtstun nichts zu schaffen. Sie erkunden die Welt, probieren sich aus, lernen neue Fähigkeiten an sich kennen, träumen vor sich hin, lassen sich von ihrer Fantasie leiten. Von Rentnern hört man häufig, dass sie lange gebraucht haben, um mit ihrer neu gewonnen Mußezeit auch etwas anfangen zu können. Häufig bleiben diese nach ihrem aktiven Erwerbsleben zunächst passiv und haben ein Stück weit verlernt, sich aktiv mit sich selbst zu beschäftigen. Sich aktiv und bewusst mit seiner Zeit zu beschäftigen, ohne jedoch ein bestimmtes Ziel, einen Zweck damit zu verfolgen, ist in unserer Arbeitsgesellschaft kaum vorgesehen und wird als Vergeudung von Zeit angesehen. In diesem Zusammenhang lohnt es sich, mal wieder in Momo hineinzulesen, in die Geschichte vom Zeitsparen und den grauen Herren.

Leben im Gleichgewicht

So sieht er also aus, mein bewusster Umgang mit begrenzter Zeit. Ich bringe mein Leben stetig aufs Neue ins Gleichgewicht aus Erwerbsarbeit, Sorgearbeit, politischer Arbeit und Muße. Dieses Gleichgewicht fügt sich nicht in starre Zeitformen, sondern ist flexibel und wandelbar wie das Leben selbst. Natürlich eckt so ein Lebensentwurf auch an. Mein Chef sähe es wohl lieber, wenn ich zu festen Zeiten an festen Tagen im Büro wäre. Es fordert ihm sehr viel Vertrauen in mich ab, mir meine Zeit selbst zu überlassen. Manche Aufgaben lassen dies auch sicherlich nicht so gut zu, die erhalte ich dann auch nicht. Zeitwohlstand ist demnach nicht bloß eine Frage des persönlichen Willens, sondern vor allem auch eine Frage der vorgegeben Strukturen, die es einem überhaupt erst ermöglichen müssen, die Wahl zwischen Zeitwohlstand und materiellem Wohlstand zu treffen. Es ist sicherlich auch eine Umstellung für viele, mit einem geringeren Einkommen auszukommen. In vielen Berufen ist ohnehin eine größere Umverteilung der Einkommen Voraussetzung für eine Reduzierung der Arbeitszeit, da die Gehälter so gering angesetzt sind, dass man sein Existenzminimum teilweise nicht einmal bei einer Vollzeitstelle sichern kann. Denn Zeitwohlstand hat mit Armut und Askese nichts zu tun. Für mich ist das Leben als Zeitpionier ein großer Gewinn. Ich bin weitestgehend unabhängig von meiner Arbeit, so dass ich mich jede Woche aufs Neue bewusst für meinen Job entscheide. Ich habe Zeit für Freunde und Familie und vor allem auch für mich selbst.

Fragen an einen Zeitpionier

Abschließend möchte ich auf ein paar Kritikpunkte an meiner Lebensweise als Zeitpionier eingehen:

  1. Als Zeitpionier lässt man seine Fähigkeiten ungenutzt.

Ich möchte diese Kritik kurz umdrehen und entgegnen, dass man im Normalarbeitsverhältnis viele seiner Fähigkeiten ungenutzt lässt. Das Leben als Zeitpionier ist sicherlich eine Abkehr von der Spezialisierung in unserer Gesellschaft. Ich bin ausgebildeter Volkswirt und Philosoph und verwerte diese Fähigkeiten tatsächlich nur einige Stunden in der Woche in der Erwerbsarbeit. Doch auch in meiner politischen Arbeit kommen diese Fähigkeiten zur Geltung. Zugleich darf ich als Zeitpionier ständig neue Fähigkeiten an mir entdecken und weiterentwickeln.

  1. Als Zeitpionier trägt man nicht zur Solidargemeinschaft bei.

In dieser Schärfe kann dieser Kritik sicherlich widersprochen werden. Viele meiner Tätigkeiten tragen direkt zur Solidargemeinschaft bei. Es stimmt jedoch, dass ich bei meinem verminderten Konsum und meiner verminderten Arbeitszeit nur wenig Steuern und Sozialabgaben leiste. Ich nutze also Straßen, Universitäten, Krankenhäuser etc., zu deren Finanzierung ich nur marginal beigetragen habe. Ich nutze Teile der Infrastruktur zwar weniger oder anders als andere, da ein Großteil unserer Infrastrukturen der Förderung von Arbeit und Konsum dient, aber dennoch nutze auch ich sie. Die Frage ist bloß, was hier falsch ist: mein Lebensentwurf oder unser Steuer- und Abgabensystem? Die Generation meiner Eltern ist noch unter der Prämisse ins Erwerbsleben gezogen, dass sie zum einen einen unbefristeten Job auf Lebenszeit erhalten und zum anderen eine Rente und Arbeitslosengeld, welche ihren Lebensstandard sichern. Meiner Generation werden hingegen nur noch befristete Arbeitsverträge, private Rentenversicherungen und Hartz IV angeboten. Der Anreiz, unter diesen Umständen einem Normalarbeitsverhältnis nachzugehen, ist ungemein geringer. Materieller Wohlstand lässt sich unter diesen Bedingungen nicht mehr dauerhaft sichern. Es ist also kaum verwunderlich, dass ich mit meiner Umorientierung hin zu temporalem Wohlstand keine Ausnahme darstelle, sondern Teil meiner Generation bin.

  1. Zeitpioniere führen zu Arbeitskräftemangel.

Dieses Argument antizipiert bereits eine Massenbewegung, verkennt aber meiner Meinung nach die Realität. Der Süden Europas hat momentan mit einer Jugendarbeitslosigkeit von etwa 50 Prozent zu kämpfen. Hier wird gerade die Zukunft einer ganzen Generation verschenkt. Die Reduzierung der Erwerbsarbeitszeit ermöglicht es diesen Jugendlichen erst, eine Erwerbsarbeit aufzunehmen. Doch selbst wenn man die Perspektive auf Deutschland verengt, entsteht durch Zeitpioniere kein Arbeitskräftemangel. Die Fähigkeiten sind im selben Umfang vorhanden wie bei Normalarbeitsverhältnissen. Lediglich die Verwertungszeit reduziert sich beim Einzelnen. Davon abgesehen, dass die Arbeitszeiten in der Regel effektiver verbracht werden, sobald sich die Arbeitszeit reduziert, lässt sich in den allermeisten Fällen auch damit leben, wenn ein Projekt einfach ein wenig länger dauert. Als Zeitpionier wird der Anspruch erhoben, den technischen Fortschritt als Zeitgewinn zu nutzen und eben nicht als Beschleunigung des Arbeitsprozesses. Technischer Fortschritt wird so zum sozialen Fortschritt anstatt nur zu ökonomischen Gewinnen. Den Acht-Stunden-Tag gibt es bereits seit 1918, die Fünf-Tage-Woche setzte sich seit 1965 durch und ist seit vierzig Jahren der gesellschaftliche Standard. Im letzten Jahrzehnt wurde die Arbeitszeit sogar wieder ausgeweitet. Es sind durchaus Kapazitäten für eine Reduzierung der Erwerbsarbeit vorhanden, sie müssen nur genutzt werden.

  1. Als Zeitpionier verspielt man seine Chancen.

Tatsächlich ist es als Zeitpionier kaum möglich, beruflich aufzusteigen. Freunde berichten mir, dass sie bei spannenden Projekten übergangen werden oder erst zu spät davon erfahren, weil sie nur an drei Tagen in der Woche im Büro sind und wegen ihrer Kinder häufig früher den Arbeitsplatz verlassen müssen. Für Berufseinsteiger gibt es auch kaum reale Teilzeitstellen, zumeist wird deutlich mehr Arbeitszeit eingefordert als vertraglich vereinbart. Bei reduzierter Arbeitszeit wird einem auch seltener die Möglichkeit gegeben, seine Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Daher scheint mir dieses Argument wohl das gewichtigste zu sein. Als Zeitpionier ist man momentan noch vor die Wahl gestellt, ob man Karriere machen möchte oder autonom über seine Zeit verfügen will. Es ist ein Abwägen darüber, wie sehr man sich in seinem Beruf und wie sehr man sich außerhalb seines Berufes verwirklichen möchte. Beides scheint bisher leider noch nicht möglich zu sein. Die Frage ist bloß, ob dies so bleiben muss.

  1. Als Zeitpionier löst man die gesellschaftlichen Probleme nicht.

Sicherlich trägt mein persönlicher Lebensentwurf nicht direkt zur Bewältigung der vielfältigen Krise unserer Produktions- und Lebensweise bei. Zunächst einmal geht es dabei ganz persönlich um einen selbst und sein persönliches Umfeld. Zieht man jedoch in Betracht, dass 40 Prozent der Deutschen ein Leben als Zeitpionier als Verbesserung ihrer Lebensqualität ansehen, besteht durchaus das Potential zu einer Massenbewegung, die auf Karriere und Konsum zu Gunsten eines Guten Lebens verzichten würde. Der ökologische Fußabdruck einer solchen Lebensweise ist enorm niedriger als der jetzige. Es bleibt Zeit, viele Dinge wieder selber zu tun und nicht über den Markt zu beziehen; Zeit, Dinge zu reparieren, zu gärtnern; Zeit, nicht konsumieren zu müssen. Die Gesellschaft wäre eine entschleunigte Gesellschaft, mit stärkeren sozialen Beziehungen und Gemeinschaften. Ich denke durchaus, dass die Vielfachkrise unserer Gesellschaft dadurch abgeschwächt werden würde.

  1. Zeitwohlstand kann sich nur die gesellschaftliche Elite leisten.

Tatsächlich sind die Bedingungen für Zeitwohlstand höchst unterschiedlich. Das Privileg, mit einer halben Stelle knapp das Durchschnittsgehalt der Bevölkerung zu erzielen, haben nicht viele. Auch erlauben viele Arbeitsbedingungen keine individuelle Reduktion der Erwerbsarbeit. Sehr viele Menschen wären demnach gerne Zeitpionier, können es sich aber faktisch nicht leisten oder realisieren. Andere leben von Hartz IV und haben scheinbar viel Zeit. Doch sind gerade Hartz IV-Empfänger in ein enges fremdbestimmtes Zeitkorsett gezwängt. Sie dürfen nicht mehr als 10 Stunden pro Woche ehrenamtlich tätig sein, es ist ihnen nicht gestattet, mehr als vier Wochen im Jahr ihren Landkreis zu verlassen, und sie müssen sich auf Vollzeitstellen bewerben. Auch finanziell sind sie häufig in einer Situation, die Zeitwohlstand auch im Sinne von positiven „Resonanzerfahrungen nicht zulässt. Als Zeitpionier ist man darauf angewiesen, dass es in seinem persönlichen Umfeld noch viele weitere Zeitpioniere gibt, die ehrenamtliche Sorgearbeit leisten, politisch tätig sind und Mußezeit mit einem verbringen. Zeitpioniere, die Theater spielen, Fahrräder reparieren, Küchen für alle betreiben und all den vielen anderen nicht-reziproken – also nicht auf Wechselseitigkeit basierenden – Tätigkeiten in ihrer freien Zeit nachgehen, zu denen man ansonsten nur über wechselseitige Marktbeziehungen Zugang erhält. Im Zeitwohlstand müssen Tätigkeiten nicht materiell verwertet werden, sie werden aus innerem Antrieb am Markt vorbei erbracht. Diese Tätigkeiten dienen vor allem dem eigenen Ausdruck, der Sinnerfüllung, der Aufhebung von Entfremdung zwischen sich und seiner Umwelt und seiner Tätigkeit. Auf diese Weise entstehen nicht-kommerzielle Räume, in denen Geld kaum eine Bedeutung hat, zu denen Geld keine Zugangsberechtigung darstellt. Erst Zeitpioniere, die solche nicht-kommerziellen Räume schaffen, ermöglichen es einem selbst, Zeitpionier zu werden. Alleine geht es nicht.


1 Hörning et. al. (1990): Der Lebensstil der Zeitpioniere. In: Gewerkschaftliche Monatshefte 41 (4), p. 200-209.

2 Der Fordismus beschreibt eine Ausprägung des Kapitalismus, in welchem der Arbeiter zum Konsumenten seiner eigenen Produktion wird. Dies wird ihm durch die soziale und materielle Absicherung seiner Arbeit ermöglicht.

3 TNS Forschung vom 26. bis 27. März 2014. 16 Prozent „Weiß nicht“/ Keine Angabe.

Überarbeitetes Manusskript vom 5. April 2014 bei der Tagung Ars Vivendi – Die Kunst zu Leben der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt. Veröffentlicht in den Briefen zur Orientierung im Konflitk Mensch – Erde (Nr. 113) der Evangelischen Akademie Wittenberg im Dezember 2014.

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