Leben von 500 Euro – wie ist das möglich?

Thesen

Reflektion einer konsumkritischen Lebensweise

Seit meines Portraits im Spiegel wird mir immer wieder diese Frage gestellt: „Leben von 500 Euro – wie ist das möglich?“. Zunächst einmal muss ich meine Gesprächspartner dann leider enttäuschen, denn die Antwort ist: gar nicht! Entspricht das Portrait von mir also nicht den Tatsachen? Doch es stimmt. In diesem Beitrag will ich versuchen diesen scheinbaren Widerspruch nachvollziehbar zu machen.

500 Euro reichen in meinem Fall dafür Miete und Sozialversicherungen zu bezahlen. Danach bleiben mir 4 Euro am Tag übrig. Das klingt nicht nur nach extrem wenig Geld, das ist auch wenig Geld. Eine Teilhabe an unserer (Markt-)Gesellschaft ist damit nicht annähernd gewährleistet. Soll gesellschaftliche Teilhabe gewährleistet werden, so ist wohl mindestens das Fünf- bis Sechsfache dieser Summe, also 20 – 25 Euro am Tag, notwendig. Dass ich von weniger Geld gut und zufrieden lebe, hat andere Gründe.

Diese Gründe sind vielseitig, sie haben aber im Wesentlichen eine gemeinsame Basis und zwar mein soziales Umfeld. Damit möchte ich auch gleich zu Beginn festhalten, dass ich kein einsamer Asket bin, sondern dass meine konsumkritische Lebensweise nur dadurch möglich wird, dass um mich herum noch viele weitere Menschen eine Lebensweise pflegen, welche weitestgehend außerhalb von marktwirtschaftlichen Austauschbeziehungen stattfindet. Anhand einiger Best-Practice-Beispiele suffizienter Lebensweise möchte ich dieses Prinzip und meine persönliche Lebensweise anschaulicher machen.

Mobilität

Wenn sich Modernität durch etwas bestimmen lässt, dann wohl vor allem durch zunehmende Mobilität. Diese drückt Dynamik und Flexibilität aus. Über schnellere Autos, Hochgeschwindigkeitszüge und Billigflüge kommen wir in immer kürzerer Zeit an immer mehr Orte. Doch trotz dieser Schnelligkeit verbringen wir immer mehr Zeit damit mobil zu sein. Die Möglichkeit wird zur Bedingung. Mein Arbeitskollege pendelt jeden Tag von Hamburg nach Berlin. Ich selbst brauche hingegen 20 Minuten mit dem Fahrrad zur Arbeit. Mein Arbeitskollege ist auf den Job angewiesen, ich hingegen nicht. So konnte ich mir einen Job in der Nähe suchen, er hatte diese Wahl nicht.

Ich profitiere vom Großstadtleben, von der Dichte meines sozialen Umfelds. Mein Alltag spielt sich in einem Radius von etwa 5 Kilometern ab. Geht mein Fahrrad mal kaputt, gibt es hier Repair Cafés. Dort gibt es alle möglichen Werkzeuge und Menschen, die einem helfen. Für weitere Strecken mit der BVG lassen sich immer wieder Leute mit einem Mitfahrerbutton finden. Dieser zeigt an, dass man die Möglichkeit hat jemanden auf seinem Ticket mitzunehmen. Das gleiche Prinzip funktioniert auch bei weiteren Strecken mit der Bahn. Doch auch bei Reisen mit dem Auto ist man immer wieder überrascht, wie gerne andere jemanden ein Stück mitnehmen.

Urlaub

Einher mit der zunehmenden Mobilisierung geht auch ein Verständnis von Urlaub, nach welchem die Qualität des Urlaubs mit der Entfernung vom Heimatort zunimmt. Bei den paar Urlaubswochen im Jahr möchte man eben auch eine Gut-Wetter-Garantie. Da ich nur zwei bis drei Tage in der Woche arbeite, kann ich in der Regel bei gutem Wetter spontan Ausflüge in die nähere Umgebung machen. Soll es mal weiter weg gehen, dann komme ich meist bei Freunden von Freunden von Freunden unter. Mir gefällt dieses Reisen, weil man sich auf diese Weise an fremden Orten gleich heimischer fühlt. Man ist für ein paar Tage Gast in einer anderen Gemeinschaft, teilt sich ein anderes Zuhause. Selbst innerhalb der selben Stadt kann so ein Wohnungswechsel auf Zeit eine interessante Erfahrung sein.

Doch meinen Urlaub nehme ich mir am liebsten zuhause, lade Freunde zu mir ein und erfreue mich daran in meiner eigenen Umgebung aus dem Alltag auszubrechen. In die Ferne zieht es mich selten. Das Fliegen geht mir in der Regel zu schnell. Ich reise gerne langsam, am liebsten mit dem Zug, damit ich auch Zeit habe mich auf den Ortswechsel einzustellen. Wie sagt man im Ruhrpott doch so schön: „Woanders ist auch scheiße!“.

Ernährung

Gute Ernährung ist wohl noch am ehesten vom Einkommen abhängig, das mag ich gar nicht abstreiten. Mir persönlich ist Ernährung nicht so wichtig. Doch auch mit relativ wenig Geld kann man sich prima ernähren, wenn man sich mit anderen zusammentut. Als Mitglied einer Einkaufsgemeinschaft kann man direkte Beziehungen zu einem regionalen Bauernhof aufbauen und wird so relativ preisgünstig, da die Zwischenhändler wegfallen, mit frischem Gemüse, Tierprodukten oder auch Brot versorgt. Eine neuere Entwicklung ist die solidarische Landwirtschaft. Diese geht noch einen Schritt weiter. Man bildet zusammen mit einem Bauernhof eine Solidargemeinschaft. Die Gruppe finanziert, je nach den individuellen Möglichkeiten, den Bauernhof, während dieser die Gruppe mit seiner Ernte versorgt. Einen direkten Zusammenhang zwischen Ernteertrag und Finanzierung gibt es jedoch nicht. Gerade dieses nicht-reziproke Verhältnis, also ein soziales Verhältnis, dass nicht auf direkten Austauschbeziehungen basiert, ist typisch für eine konsumkritische Lebensweise.

Auch innerhalb der Stadt gibt es zahlreiche solcher Beziehungen. Über Food-Sharing teilen Menschen oder auch kleinere Betriebe ihre überschüssigen Lebensmittel mit anderen. Im Gegensatz zu den Tafeln ist diese Verteilung jedoch nicht an Bedürftigkeit geknüpft. Zum einen wirkt dies präventiv, da man auf diese Weise gar nicht erst bedürftig wird. Zum anderen werden so aber auch all diejenigen erreicht, die offiziell gar nicht als bedürftig gelten. Im Fokus bei dieser Art des Teilens steht jedoch gar nicht die Bedürftigkeit, sondern das Zusammenkommen, das Gemeinsame. Eben diese Motivation steht auch hinter den zahlreichen Volksküchen bzw. Küchen für alle. In diesen kommen Menschen zusammen und kochen für andere auf Spendenbasis.

Freizeitgestaltung

Freizeit als Gegensatz zu Arbeitszeit habe ich letztlich kaum. Das ist keine kleinliche Definitionsspielerei, sondern soll einen wesentlichen Unterschied verdeutlichen. Freizeit dient der Erholung und Regenerierung. Da einem im herkömmlichen Berufsleben nicht all zu viel davon bleibt, versucht man die Freizeit zu verdichten. Man geht lieber Essen anstatt mit Freunden zu kochen, man geht ins Theater anstatt selbst zu spielen. Sicherlich hat das jeweils seine eigene Qualität, doch bleibt man in der Regel passiv konsumierend anstatt aktiv schaffend. Die Schaffenszeit wird tendenziell an die Arbeitszeit delegiert, die Freizeit ist durch Konsum bestimmt. Diese Trennung der beiden Sphären existiert in meinem Leben nicht.

Dabei profitiere ich enorm von den vielen öffentlichen, nicht-kommerziellen Räumen in meiner Stadt. Hier ist der Übergang zwischen passiv konsumierend und aktiv schaffend fließend. Menschen spielen Theater, geben Konzerte, bieten diverse Workshops zu Musik, Kunst, Wissenschaft und Politik an, Gärtnern gemeinsam auf städtischen Brachflächen und vieles mehr. All das tun sie aus eigenem Antrieb heraus. Diese Lebensqualität basiert zum einen auf dem Engagement meiner Mitmenschen, zum anderen aber auch auf den besetzten Häusern und öffentlichen Flächen in meiner Stadt, welche überhaupt erst den Raum für dieses kreative Schaffen, für diese nicht-kommerzielle Freizeitgestaltung bereitstellen.

Wohnen und Leben

Das meiste Geld, das ich verdiene, fließt in meine Miete. Um 15 Prozent steigt diese alle vier Jahre – Renovierungskosten nicht eingeschlossen -, mein Tarifvertrag wurde hingegen seit 2001 nicht angepasst. So geht es zahlreichen Menschen in Berlin. Bevor wir diese Wohnung vor bald fünf Jahren bezogen haben, hat hier noch eine Familie alleine gewohnt. Inzwischen ist diese Wohnung auch mit mehreren Einkommen nur schwer zu finanzieren. Dass so etwas wie Wohnraum, das eigene Zuhause und somit auch das soziale Umfeld dem Markt, dem Spiel von Angebot und Nachfrage überlassen wird, ist nur schwer zu akzeptieren, doch alleine kann man dem wenig entgegensetzen.

Doch in meinem Umfeld tun sich viele zusammen, bilden Mietergemeinschaften oder Hausgemeinschaften, um so der Preisentwicklung auf dem Wohnungsmarkt nicht-kommerzielle Räume entgegen zu halten. Das Mietshäusersyndikat unterstützt Gruppen beim Hauskauf und garantiert stabile Mieten, unabhängig vom Wohnungsmarkt. Doch allein schon das Leben in einer Wohngemeinschaft sowie eine gute Hausgemeinschaft erleichtern einem das Leben enorm. Wie viele Luftpumpen, Nudelmaschinen, Raclettes, Nähmaschinen etc. gibt es in deinem Haus und wie oft braucht man sie wirklich?

Konsum

Die meisten teuren Anschaffungen nutzt man nur gelegentlich. Die Campingausrüstung wird vielleicht zwei bis dreimal im Jahr herausgeholt, die Bohrmaschine kommt im Jahr vielleicht eine Stunde lang zum Einsatz und auch das Auto steht in der Regel 23 Stunden am Tag einfach nur herum. Anstatt Nutzen zu stiften, rauben diese Dinge in der meisten Zeit nur Platz und Pflegeaufwand. Über die Hausgemeinschaft oder auch Tauschringe können all diese Dinge viel intensiver genutzt werden. Auch einfachere oder komplexere Dienstleistungen können so getauscht oder auch einfach ohne Tausch erbracht werden. Spielt Geld keine Rolle, stellt man immer wieder fest, wie gerne Menschen einander helfen, ihre Fähigkeiten weitergeben. Dazu gehört auch immer sich neue Fähigkeiten anzueignen, Dinge selbst auszuprobieren.

Die Frage, die man sich stellt, lautet, was brauche ich wirklich? Vieles von dem, was sich so in seinem Eigentum befindet, besitzt man schon lange nicht mehr. Es ist einfach nur noch da, hat für einen selbst aber jeden Zweck verloren. All diese Dinge kann man in Umsonstläden vorbeibringen, wo andere, die diese Dinge gerade brauchen, sie sich mitnehmen können.

Fazit

Ich lebe zwar konsumkritisch, aber ich verzichte nicht. Ich bin mobil, indem ich mit anderen zusammen reise. Ich mache Urlaub, indem ich andere besuche. Ich ernähre mich gut, indem ich mit anderen gemeinsam einkaufe. Ich gehe ins Theater, auf Konzerte, ins Restaurant, in die Kneipe, zu Vorträgen etc., indem andere in nicht-kommerziellen Räumen Freude daran haben Menschen zusammenzubringen. Ich lebe und wohne gut, indem meine Wohn- und Hausgemeinschaft füreinander einsteht. Ich konsumiere auch, indem andere, das, was sie gerade nicht brauchen, mit anderen teilen. Natürlich gilt all dies auch umgekehrt. Ich teile, was ich gerade nicht brauche. Ich stehe für meine Wohn- und Hausgemeinschaft ein. Ich organisiere öffentliche Räume, um Menschen zusammen zu bringen. Ich kaufe mit anderen gemeinsam ein. Ich nehme Besuch bei mir auf und nehme andere auf meinen Reisen mit.

Deshalb stimmt es nicht, dass ich von 500 Euro lebe. Die 500 Euro machen sogar den eher geringsten Teil meines Lebens aus. Ich lebe vor allem von meinem sozialen Umfeld und dieses lebt ebenso von mir. Würde man versuchen all diese sozialen, nicht-kommerziellen Austauschbeziehungen monetär zu bewerten beziehungsweise durch kommerzielle Beziehungen zu ersetzen, dann bräuchte man wohl mindestens zwischen 1000 und 1200 Euro im Monat, um ein bescheidenes Leben zu führen, wenn nicht gar noch wesentlich mehr.

Die Qualität dieser Lebensweise liegt für mich vor allem in der Selbstbestimmung über meine Zeit, sowie in dem sozialen Miteinander. Es ist ein Versuch die Spirale aus Erwerbsarbeit und Konsum zu durchbrechen. Tatsächlich sind die Bedingungen für eine solche Lebensweise höchst unterschiedlich. Viele Arbeitsbedingungen erlauben keine individuelle Reduktion der Erwerbsarbeit. Sehr viele Menschen würden ihre Arbeitszeit gerne reduzieren, können es sich aber faktisch nicht leisten oder realisieren. Andere leben von Hartz IV und haben scheinbar viel Zeit. Doch sind gerade Hartz IV-Empfänger in ein enges fremdbestimmtes Zeitkorsett gezwängt. Sie dürfen nicht mehr als 10 Stunden pro Woche ehrenamtlich tätig sein, es ist ihnen nicht gestattet mehr als vier Wochen im Jahr ihren Landkreis zu verlassen und sie müssen sich auf Vollzeitstellen bewerben. Als Zeitpionier bin ich darauf angewiesen, dass es in meinem persönlichen Umfeld noch viele weitere Zeitpioniere gibt. Denn ohne Zeitpioniere kostet all dies viel Geld und erfordert entsprechend viel Zeit in der Erwerbsarbeit. Erst Zeitpioniere, die nicht-kommerzielle Räume schaffen, ermöglichen einem selbst Zeitpionier zu werden. Alleine geht es nicht.

Es ist ein qualitativ anderes Leben, welches ich führe. Ein Leben, in welchem man ziemlich direkt auf sein soziales Umfeld angewiesen ist. Die Anonymität des Marktes wird über direkte soziale Beziehungen umgangen. Man begegnet sich in der Regel als Mensch und nur selten als Marktteilnehmer. Das hat seine Vorteile, aber ich will die Nachteile nicht verschweigen. An manchen Tagen will ich mich gar nicht mit meinen Mitmenschen austauschen. Da interessiert mich die Erntesituation auf dem solidarischen Bauernhof genauso wenig, wie die Geschichten meines Mitfahrers. Mein Leben ist zwar eine Absage an die Entfremdung und die Anonymität unserer (Markt-)Gesellschaft, aber manchmal ist so ein wenig Entfremdung auch gar nicht so schlecht. Daher gehe ich auch weiterhin arbeiten. Ich denke, auf das gute Verhältnis zwischen Erwerbsarbeit, Konsum und gutem Leben kommt es an.

Ein paar Fragen bleiben offen, auf die ich bisher noch keine Antwort habe. Ich beziehe zwar keine Sozialleistungen und nehme die gesellschaftlichen und natürlichen Ressourcen nur in sehr geringem Maße in Anspruch. Ich zahle auch Steuern und Sozialversicherungsbeiträge. Doch ein Großteil meiner Aktivitäten findet außerhalb der Erwerbsarbeit, außerhalb des Marktes statt. Doch eben über die Erwerbsarbeit und den Markt finanziert sich unser staatliches Gemeinwesen. Sicherlich fließt ein Großteil der Staatsfinanzen auch wieder in die Infrastruktur und Verwaltung der Folgekosten von Erwerbsarbeit und Marktwirtschaft, doch wird darüber auch innerhalb der gesamten Gesellschaft Wohlstand umverteilt. Auch in meiner Lebensweise spielt Umverteilung eine große Rolle, jedoch nur innerhalb meines sozialen Umfelds. Wie soll und kann gesamtgesellschaftliche Umverteilung bei einer entschleunigten und konsumkritischen Lebensweise organisiert werden? Wie werden öffentliche Güter und Einrichtungen bereitgestellt? Die bisherige Logik, mehr zu arbeiten und mehr zu konsumieren, um diese Umverteilung zu organisieren, erschließt sich mir nicht, doch eine Alternative ist mir bisher auch noch unbekannt.

Ich bin auf der Suche nach einer anderen Logik. Einer Logik, die nicht sämtliche Probleme über Erwerbsarbeit und Konsum zu lösen versucht, denn beides bringt uns selbst, unser soziales und unser natürliches Umfeld an die Grenzen ihrer Belastbarkeit.

Verfasst am 18. März 2014.

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