Konzepte und Leitbilder sozial-ökologischer Transformation

Konzepte und Leitbilder, Thesen

Dem Diskurs um eine sozial-ökologische Transformation liegt ein verändertes Wohlstandsverständnis zu Grunde. Wohlstand wird in diesem Diskurs nicht als Mehrung materieller Güter, sondern vielmehr als Mehrung der Optionen im Sinne des Fähigkeitenansatzes verstanden (vgl. Kapitel 2.1). Es handelt sich dabei jedoch nicht um ein individualistisches Konzept, vielmehr wird der Optionenbegriff weit gefasst. Es gilt die Optionen künftiger Generationen und die Optionen seiner Mitmenschen zu sichern. Die multiple Krise des Finanzmarktkapitalismus gefährdet diese Optionen (vgl. Kapitel 2.3). Eine finanzkapitalistische Landnahme (vgl. Kapitel 2.2.2) zehrt unter anderem die sozialstaatlichen Errungenschaften des fordistischen Wohlfahrtsstaats auf (vgl. Kapitel 2.2.1). Die sozial-ökologische Krise verschärft sich auf Grund der Nicht-Verallgemeinerbarkeit einer imperialen Lebensweise (vgl. Kapitel 2.3.1). Angesichts einer zunehmenden Prekarisierung der Arbeitswelt entstehen transnationale Sorgeketten, welche die Krise der Reproduktion jedoch nicht lösen, sondern lediglich verschieben (vgl. Kapitel 2.3.2). Nicht zuletzt die Staatsschuldenkrise im Zuge der so genannten „Euro-Rettung“ hat zu einer Krise des Staates geführt und teilweise postdemokratische Zustände befördert (vgl. Kapitel 2.3.3). Es sind demnach die großen Bereiche Ökologie, Soziales und Demokratie, die sich zu einer multiplen Krise verschärfen und Anlass für die Debatte um eine sozial-ökologische Transformation bieten. Ziel dieser Transformation ist eine Wiedereinbettung des Marktes. Einer Politik, welche die existierenden gesellschaftlichen Probleme allein mittels marktwirtschaftlichen und technologischen Instrumenten bearbeiten möchte, wird im Diskurs um eine sozial-ökologische Transformation widersprochen. Doch darum, welche alternativen Transformationskonzepte sich durchsetzen sollen, ist eine breite Debatte entstanden (vgl. Kapitel 2.4).

Durch die Beobachtung dieser Debatte konnten zehn relevante Transformationskonzepte ausfindig gemacht werden: staatliche Investitionsprogramme, BIP-Wachstum, lokale Versorgung, kultureller Wandel, Redistribution, Arbeitszeitverkürzung, Suffizienz, Gemeinschaftsgüter, internationale Lösungsstrategien und Partizipation (Vgl. Kapitel 4.3). Diese wurden einem Vergleich repräsentativer Transformationsstrategien zu Grunde gelegt (vgl. Kapitel 6). Durch diesen Vergleich konnte aufgezeigt werden, dass nur wenige Konzepte diskursübergreifend relevant sind (vgl. Kapitel 7). Einigkeit herrscht zum Großteil darüber, dass ein kultureller Wandel notwendig sei. Diese Einigkeit liegt wohl nicht zufällig bei dem Konzept vor, welches die geringsten politischen Implikationen hat. Häufig erschöpft sich dieses Konzept in Appellen. Wie kultureller Wandel gestaltet werden kann, ist vielfach noch eine offene Frage. Wird die Ausgestaltung dieses kulturellen Wandels mit dem Konzept Suffizienz teilweise konkretisiert, treten bereits Konflikte innerhalb des Diskurses zutage. Allerdings kann festgehalten werden, dass die Zustimmung zu einer suffizienten Lebensweise in den diesem Vergleich zu Grunde liegenden Transformationsstrategien breit aufgenommen wird.

Der Vergleich der Transformationsstrategien hat mehrere Subdiskurse der Transformationsdebatte sichtbar werden lassen. So werden staatliche Investitionsprogramme, internationale Lösungsstrategien und BIP-Wachstum stets als gemeinsame Transformationsstrategie beschrieben. Dem steht im wachstumskritischen Diskursfeld ein Dreiklang aus lokaler Versorgung, kulturellem Wandel und suffizienter Lebensweise quasi gegenüber. Wobei es durchaus Überschneidungen zwischen diesen beiden Subdiskursen gibt. Der WBGU und das ISM erweitern die Strategie von UNEP und OECD um eine kulturkritische Perspektive, welche sie mit Miegel, Paech und Latouche gemein haben. Auseinandersetzungen um redistributive Maßnahmen wie sie vom ISM und Latouche geführt werden scheinen derweil quer zu den sonstigen Subdiskursen zu liegen. Gleiches gilt für Positionen wie derjenigen des WBGU und des ISM, ebenso aber auch Latouches, die einen Ausbau partizipativer Beteiligungsformen einfordern.

Deutliche Konflikte treten im Transformationsdiskurs zu den Konzepten BIP-Wachstum und Gemeinschaftsgüter auf. Hier stehen sich widersprechende theoretische Annahmen gegenüber. Wird auf der einen Seite eine Entkopplung von Wachstum und Naturverbrauch für möglich gehalten, wird dies auf der anderen Seite bestritten. Bezüglich des Konzeptes Gemeinschaftsgüter wird auf der einen Seite die Tragik der Allmende herangezogen, um den Vorteil von Privateigentum zu begründen, auf der anderen Seite werden hingegen die ökologischen und sozialen Vorteile der Gemeinschaftsgüter hervorgehoben. Dieser Widerstreit erfordert weitere wissenschaftliche Auseinandersetzungen, zum einen mit den Folgen des Wachstums und zum anderen mit den Folgen der verschiedenen Eigentumsformen für eine ökologisch und sozial nachhaltige Lebensweise.

Auch die anderen Konzepte sollten daraufhin überprüft werden, ob sie die Ziele einer sozial-ökologischen Transformation, also letztlich eine Überwindung der multiplen Krise, unterstützen können. Vielfach bleibt in diesem Diskurs der Eindruck zurück, dass Konzepte beliebig in die Debatte eingebracht werden, ohne dass diese auf ihre Wirksamkeit hin überprüft würden. Sollte die sozial-ökologische Transformation tatsächlich eine Transformation der Gesellschaft bewirken wollen, so ist es erforderlich, dass zunächst Zielkriterien für eine solche Transformation bestimmt werden.

Bisher existiert jedoch noch nicht einmal ein gemeinsames Leitbild für eine sozial-ökologische Transformation. Fünf zumindest teilweise konkurrierende Leitbilder werden angesichts der gegenwärtigen Debatte für möglich gehalten: Grünes Wachstum, Grüner Gesellschaftsvertrag, Sozial-ökologischer Umbau, Mäßigung und Degrowth (vgl. Kapitel 8). In dieser Arbeit konnte nur ein Ausblick gegeben werden, wie sich diese Leitbilder bestimmen ließen. Um diese Leitbilder zu verifizieren, müssten weitere Transformationsstrategien in die Analyse miteinbezogen werden und die Leitbilder anhand dieser überprüft werden. Weiterhin konnte in dieser Arbeit keine Einschätzung über die gesellschaftliche Relevanz der einzelnen Leitbilder gegeben werden. Eine Untersuchung inwieweit einzelne dieser möglichen Leitbilder Einzug in das gesellschaftliche Bewusstsein erlangt haben steht noch aus.

Es bleibt festzuhalten: die sozial-ökologische Transformation hat noch nicht begonnen, selbst die Debatte darüber befindet sich noch am Anfang. Ob die sozial-ökologische Transformation Erfolg haben wird, hängt wohl insbesondere davon ab, ob innerhalb der Gesellschaft eine Verständigung auf ein gemeinsames gesellschaftliches Leitbild gelingen wird, welches die bisher noch vorliegenden Widersprüche innerhalb des Diskurses um eine sozial-ökologische Transformation aufhebt und die vorliegenden Gemeinsamkeiten in sich vereint. Dazu ist es notwendig Teile dieser normativen Debatte wissenschaftlich zu begleiten.

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