Idealtypische Leitbilder im Transformationsdiskurs

Konzepte und Leitbilder, Thesen

Im dritten Teil dieser Arbeit werden – aufbauend auf der Erkenntnis, dass innerhalb des Diskurses um eine sozial-ökologische Transformation sehr verschiedene Transformationskonzepte diskutiert werden, welche teilweise im Widerspruch zueinander stehen oder keinerlei Bezug aufeinander nehmen – fünf mögliche idealtypische Leitbilder einer sozial-ökologischen Transformation skizziert. Diese Leitbilder basieren auf der Analyse des Transformationsdiskurses im zweiten Teil dieser Arbeit, sie lassen sich jedoch nicht direkt aus dieser Analyse ableiten. Die hier entwickelten Leitbilder sind daher als eine erste Näherung an den Diskurs und als ein Vorschlag zu verstehen. Sie geben einen Ausblick, anhand welcher Leitbilder der Diskurs strukturiert werden könnte. Ob sie tatsächlich relevante Teile des Diskurses widerspiegeln, müsste jedoch unter Heranziehung weiterer Transformationsstrategien überprüft werden. Auch kann die Überprüfung der hier dargestellten idealisierten Leitbilder auf Kohärenz nur skizzenhaft erfolgen. Ziel dieses Teils der Arbeit ist es aufzuzeigen, in welche Richtung in weiteren Studien gedacht werden könnte.

Um die idealisierten Leitbilder zu entwickeln, werden die Transformationskonzepte zunächst einer Metaebene zugeordnet. Anhand dieser Metadiskussionen1 werden anschließend fünf idealtypische Leitbilder skizziert (vgl. Kapitel 8.2). Diese sind zwar nicht identisch mit den real beobachtbaren Transformationsstrategien, sollen jedoch eine Projektionsfläche bieten, anhand derer reale Diskurse besser nachvollzogen und verglichen werden können. Hierdurch sollen Widersprüche und Gemeinsamkeiten deutlicher sichtbar werden.

Metadiskussionen sozial-ökologischer Transformation

Zur Herausbildung idealisierter Leitbilder werden die verschiedenen Transformationskonzepte zunächst auf Basis der Analyse des Transformationsdiskurses Metadiskussionen zugeordnet. Die Begründung dieser Zuordnung zu Metadiskussionen kann in dieser Arbeit nur skizzenhaft erfolgen. Erforderlich wäre es jeweils die Grundannahmen der Metadiskussionen herauszuarbeiten und mit den Transformationskonzepten abzugleichen. Da es in diesem Teil der Arbeit jedoch vor allem um einen ausführlichen Ausblick für weitere Arbeiten zu einer Diskursanalyse des Diskurses um eine sozial-ökologische Transformation geht, wird auf diese näher gehende Analyse verzichtet.

Im Diskurs um eine sozial-ökologische Transformation lassen sich sechs Metadiskussionen zu Wachstum, Globalisierung, Kultur, Demokratie, Entkommerzialisierung und Sozialstaat ausfindig machen. Schaut man sich die Zusammenhänge zwischen diesen Metadiskussionen in der Analyse an, so lassen sich drei Ebenen des Diskurses unterscheiden. Auf der ökonomischen Ebene entlang der Metadiskussionen zu Wachstum und Globalisierung werden vordergründig Effizienzvorteile diskutiert. Diese fallen unterschiedlich aus, je nachdem ob Kostenexternalisierungen und Rebound-Effekte mit einbezogen werden. Auf der gesellschaftlichen Ebene entlang der Metadiskussionen zu Kultur und Demokratie wird ein verändertes Verständnis der Rolle des Individuums in der Gesellschaft diskutiert. Hier stehen sich insbesondere unterschiedliche Vorstellungen von Gemeinschaft und Gesellschaft gegenüber. Auf einer politisch-ökonomischen Ebene werden die Metadiskussionen zur Entkommerzialisierung und zum Sozialstaat geführt. Dabei steht die Art und Weise des Wirtschaftens im Vordergrund. Wirtschaft kann zum einen über den Markt organisiert werden, zum anderen aber auch über Formen der Solidarität im nicht-kapitalistischen Äußeren (vgl. Kapitel 2.2).

Wachstumsdiskurs

Die Analyse des Transformationsdiskurses zeigt, dass die beiden Konzepte staatliche Investitionsprogramme und BIP-Wachstum eng miteinander in Beziehung stehen, während Wachstumskritiker staatliche Investitionsprogramme nicht diskutierten. Es lässt sich vermuten, dass dieser Zusammenhang nicht zufällig ist, auch wenn der Analyse letztlich zu wenig Studien zu Grunde liegen. Das gemeinsame Moment dieser beiden Konzepte liegt darin, dass sie, ob nun über allgemeines wirtschaftliches Wachstum oder gezielte staatliche Investitionsprogramme, grüne Technologien verbreiten möchten, um darüber eine Effizienzrevolution in Gang zu setzen (vgl. Kapitel 6.1 und 6.2). In der Gegenposition dazu wird von Wirtschaftskritikern die Ansicht vertreten, dass eine solche Effizienzrevolution insbesondere durch den Rebound-Effekt nicht gelingen könne.

Globalisierungsdiskurs

Aus der Analyse geht zudem hervor, dass die Konzepte internationale Lösungsstrategien und lokale Versorgung in zwei voneinander getrennten Subdiskursen thematisiert werden. Befürworter lokaler Versorgung machen keine Vorschläge für internationale Lösungsstrategien und umgekehrt. Auch hier lässt sich vermuten, dass dieser Zusammenhang kein zufälliger ist, sondern Teil eines Globalisierungsdiskurses. Die beiden Konzepte scheiden sich insbesondere an der Frage, auf welcher Ebene die multiple Krise bearbeitet werden soll (vgl. Kapitel 6.3 und 6.9). Vorteile der Globalisierung werden in den Effizienzvorteilen globaler Arbeitsteilung gesehen. Eben diese Effizienzvorteile werden angesichts der ökologischen und sozialen Folgekosten dieser Arbeitsteilung von Globalisierungskritikern jedoch in Frage gestellt. Wie im Wachstumsdiskurs nehmen Effizienzvorteile im Globalisierungsdiskurs eine wichtige Rolle ein. Dies mag den Zusammenhang von Wachstumskritik und Globalisierungskritik erklären, den die Analyse der Transformationsstrategien ergeben hat.

Kulturdiskurs

Die Analyse hat weiterhin ergeben, dass die Konzepte kultureller Wandel und Suffizienz stets gemeinsam unterstützt werden. Diese beiden Konzepten scheint ebenfalls ein innerer Zusammenhang zu einen. Beide Konzepte zielen auf Verhaltens- und Einstellungsänderungen der Individuen hinsichtlich einer nachhaltigeren Lebensweise ab (vgl. Kapitel 6.4 und 6.7). Es werden kulturelle und soziale Treiber ausgemacht, die eine letztlich imperiale Lebensweise (vgl. Kapitel 2.3.1) forcieren. Diese Lebensweise stünde einem „guten Leben“ entgegen. Das Konzept kultureller Wandel nimmt derweil veränderte Wertehaltungen in den Fokus, während das Konzept Suffizienz die tatsächlich darauf folgenden Verhaltensänderungen in den Blick nimmt.

Demokratiediskurs

Die Analyse hat gezeigt, dass das Konzept Partizipation in Teilen des kulturkritischen Diskurses ebenfalls thematisiert wird. Dennoch unterscheidet sich das Konzept Partizipation vom kulturkritischen Diskurs. Es kann davon ausgegangen werden, dass es Teil eines Demokratiediskurses ist, welcher von der Postdemokratiethese (vgl. Kapitel 2.3.3) ausgeht. Innerhalb dieses Diskurses steht das Konzept Partizipation, welches eine stärkere Teilhabe der Bevölkerung am demokratischen Entscheidungsprozess beinhaltet, der Position entgegen, dass Entscheidungsprozesse unabhängigen Expertengremien obliegen sollen (vgl. Kapitel 6.10). Wie im kulturkritischen Diskurs wird im Demokratiediskurs auf die Initiative von Individuen gesetzt. Im Unterschied zum Kulturdiskurs spielen jedoch kollektive Handlungen eine größere Rolle.

Entkommerzialisierungsdiskurs

Durch die Analyse der Transformationsstrategien ist hervorgetreten, dass die Konzepte Arbeitszeitverkürzung und Gemeinschaftsgüter stets gemeinsam thematisiert werden. Der Zusammenhang beider Konzepte wird deutlich, wenn der Diskurs um Entkommerzialisierung herangezogen wird.2 Dieser Diskurs wird insbesondere im Kontext der feministischen Ökonomie in der Debatte um die Krise der Reproduktion geführt (vgl. Kapitel 2.3.2). Sowohl das Konzept der Arbeitszeitverkürzung als auch das Konzept der Gemeinschaftsgüter verfolgen demnach eine Strategie der Entkommerzialisierung (vgl. Kapitel 6.6 und 6.8). Die beiden Konzepte ermöglichen Subsistenzarbeit, indem sie die dafür notwendige Zeit und den dafür notwendigen Raum liefern. Diese Arbeit findet außerhalb des Marktes statt. Sie hätte daher Leben zum Produktionsziel, im Unterschied zum Profitziel der Warenproduktion.3

Sozialstaatsdiskurs

Ebenfalls entkommerzialisierend wirkt das Konzept Redistribution. Dieses wird, wie die Analyse ergeben hat, häufig im Zusammenhang mit den beiden Konzepten Arbeitszeitverkürzung und Gemeinschaftsgüter zu einer gemeinsamen Transformationsstrategie erhoben. Umverteilungsmaßnahmen ermöglichen es, Arbeitskraft nicht am Arbeitsmarkt anbieten zu müssen. Zugleich unterscheidet sich der Sozialstaatsdiskurs vom Entkommerzialisierungsdiskurs darin, dass über Redistribution gesellschaftliche Ungleichheiten abgebaut werden sollen (vgl. Kapitel 6.5). Während im Entkommerzialisierungsdiskurs diskutiert wird, die Ressourcenallokation außerhalb des Marktes zu organisieren, wird im Sozialstaatsdiskurs diskutiert, die Ressourcendistribution außerhalb des Marktes zu organisieren.

1Unter Metadiskussionen werden in dieser Arbeit Diskurse verstanden, die über den Diskurs um eine sozial-ökologische Transformation hinausgehen und auch unabhängig von dieser geführt werden.

2Vgl. Bennholdt-Thomsen (2010).

3Vgl. Bennholdt-Thomsen (2010), S. 12.

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