Das Konzept Gemeinschaftsgüter im Vergleich

Kommentare, Konzepte und Leitbilder

Latouche kritisiert, dass die gegenwärtige Ökonomie auf künstliche Art und Weise Knappheiten erzeuge. Die Aneignung und Kommodifizierung der Natur führe teilweise dazu, dass Lebensgrundlagen wie Wasser privatisiert würden. Die Annahme von Knappheiten würde so zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung. Dem hält Latouche seine Forderung nach einer Relokalisierung entgegen (vgl. Kapitel 6.3). Diese Fokussierung auf lokale Versorgung fuße zum Teil auf einer Wiederentdeckung der Gemeinschaftsgüter. Diese nehmen insgesamt zwar keine bedeutende Rolle in seiner Transformationsstrategie ein, werden aber positiv in diese aufgenommen.1

Für Paech ist die gemeinschaftliche Nutzung von Gütern, ob nun in gemeinschaftlichem Besitz oder im Privatbesitz als Gegenleistung für die Nutzung anderer privater Güter, ein wichtiger Schritt auf dem Weg in Richtung Subsistenz. Er sieht Gemeinschaftsgüter als Teilaspekt, setzt aber den Fokus auf die Gemeinschaftsnutzung unabhängig von der Eigentumsform. Für Paech ist es zentral den Grad der Fremdversorgung zu reduzieren. Fremdversorgung wird jedoch vor allem über den Markt erbracht. Insbesondere hierin unterscheide sich Paech von einem Effizienzdiskurs, der auf Dienstleistungsmärkte setze. Gemeinschaftliche Nutzung wird nicht als Teil einer Share Economy verstanden wie zum Beispiel Car-Sharing. Vielmehr ist die Entkommerzialisierung dieser gemeinschaftlichen Nutzung ein wesentliches Element seiner Transformationsstrategie. Auch wenn für Paech die Eigentumsfrage nicht zentral ist, unterstützt seine Transformationsstrategie das Konzept der Gemeinschaftsgüter, insbesondere hinsichtlich der unentgeltlichen gemeinschaftlichen Nutzung.2

Auch Miegel kritisiert die Monetarisierung der Gesellschaft. Anders als Paech ist seine Kritik jedoch eine der Verhältnismäßigkeit und keine prinzipielle Kritik an einer Monetarisierung. In größeren Betrieben sollte laut Miegel das Genossenschaftsprinzips stärker zur Geltung kommen. Dies ist zwar ebenfalls eine Form des gemeinschaftlichen Eigentums, jedoch keine der gemeinschaftlichen Nutzung. Auch die Waren einer Genossenschaft werden über den Markt verkauft, so dass eine Trennung von Produzent und Konsument vorherrscht. Eine Zuordnung zu dem Konzept der Gemeinschaftsgüter ist nicht möglich.3

Das ISM kritisiert, dass die Bedeutung von Eigentumskonzepten zu wenig thematisiert würden. Dabei käme einer Stärkung öffentlicher Güter beziehungsweise von Gemeinschaftsgütern eine besondere Bedeutung für einer sozial-ökologische Transformation zu. Es wäre nicht bloß deren öffentlicher Charakter relevant, sondern insbesondere deren gemeinschaftliche Nutzung. Das ISM bezieht hier explizit Güter der öffentlichen Daseinsfürsorge mit ein, da insbesondere diese die Lebensbedingungen der Menschen beeinflussten. Die Dekommodifizierung öffentlicher Güter trüge zu einer Ausweitung der Optionsvielfalt und entsprechend der Freiheit des Einzelnen bei. Dennoch steht auch beim ISM die Eigentumsfrage nicht im Fokus, sondern der öffentliche Charakter, so könnten auch private Unternehmen öffentliche Güter bereitstellen, wenn der Staat die Gewährleistung dafür übernehme. Gemeinschaftsgüter, das ISM spricht vom Öffentlichen, sind zentraler Bestandteil der Transformationsstrategie des ISM.4

Der WBGU möchte den Übergang von Besitz- zu Nutzungsrechten fördern.5 Anstatt ein Produkt zu verkaufen, würden lediglich Dienstleistungen verkauft wie zum Beispiel Mobilität. Das Unternehmen würde dann verschiedene Formen der Mobilität bereitstellen und der Konsument würde für deren Nutzung zahlen, diese jedoch nicht besitzen. Der WBGU propagiert damit eben jene Form der gemeinschaftlichen Nutzung, die Paech aufgrund deren Kommerzialisierung ablehnt. Wie Miegel sieht der WBGU auch im Genossenschaftsprinzip Vorteile, insbesondere bei der Finanzierung.6 Die Strategie des WBGU unterscheidet sich vom Konzept der Gemeinschaftsgüter insbesondere durch die Kommerzialisierung gemeinschaftlich genutzter Güter und dem damit einhergehenden besonderen Stellenwert des Privateigentums. Eigentumsrechte setzten zudem Anreize zu einer nachhaltigen Bewirtschaftung.7 Privateigentum nimmt in der Strategie des WBGU demnach weiterhin einen hohen Stellenwert ein, das Konzept der Gemeinschaftsgüter steht dem entgegen.

Für die OECD ist Privateigentum, insbesondere bezüglich intellektuellem Eigentums, ein wichtiges Element zur Entwicklung und Verbreitung grüner Technologien. Nicht klar definierte Eigentumsrechte führten zu einer Überausbeutung von Naturkapital. Der Wert des Naturkapitals würde durch fehlende Eigentumsrechte nicht korrekt wiedergegeben. Jedoch müsse eine solche Festlegung von Privateigentum mit der Internalisierung externer Kosten einhergehen, da ansonsten Naturausbeutung fälschlicherweise als lukrativ erscheinen könnte. Das Privateigentum ist in der Strategie der OECD zentral, so dass das Konzept der Gemeinschaftsgüter abgelehnt wird.8

Auch das UNEP greift die Tragödie der Allmendegüter auf und sieht die Problematik der Übernutzung von Gemeinschaftsgütern. Starke Eigentumsrechte seien demnach Voraussetzung für eine nachhaltige Nutzung von Naturgütern. Das Konzept der Gemeinschaftsgüter wird entsprechend abgelehnt und als ursächlich für die ökologische Krise gesehen.9

In der Diskussion um Gemeinschaftsgüter stehen sich zwei widersprechende Ansichten gegenüber. WBGU, OECD und UNEP betonen die Tragödie der Allmende, welche zu einer Überausbeutung von Gemeinschaftsgütern führe. Latouche, Paech und das ISM sehen hingegen gerade in entkommerzialisierten Gemeinschaftsgütern einen Weg, der zu einer effizienteren und wohlfahrtssteigernden Nutzung führen könne. Miegel spricht sich zwar für eine Stärkung des Genossenschaftsprinzips aus, nimmt aber keine dezidierte Stellung zu dem Konzept Gemeinschaftseigentum.

1Vgl. zu diesem Absatz Latouche (2009), S. 35 f. und S. 44.

2Vgl. zu diesem Absatz Paech (2012), S. 120 ff. und S. 146 ff.

3Vgl. zu diesem Absatz Miegel (2010), S. 181 ff. und S. 200.

4Vgl. zu diesem Absatz ISM (2011), S. 8 und S. 20.

5Vgl. WBGU (2011), S. 146.

6Vgl. WBGU (2011), S. 182.

7Vgl. WBGU (2011), S. 249.

8Vgl. zu diesem Absatz OECD (2011a), S. 12 und S. 25 ff.

9Vgl. zu diesem Absatz UNEP (2011a), S. 564 f.

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