Das Konzept Suffizienz im Vergleich

Kommentare, Konzepte und Leitbilder

Für Latouche geht Suffizienz einher mit Redistribution und einer Verbesserung der Lebensqualität. Er zählt insbesondere die Müllproduktion und den Massentourismus auf, welche reduziert werden müssten, ebenso sei auch eine Reduktion der Arbeitszeit Teil einer suffizienten Lebensweise. Seine Postwachstumsgesellschaft zeichne sich durch eine Verlangsamung aus. Es gelte nicht Konsumverzicht zu predigen, sondern die gesellschaftlichen Verhältnisse so zu gestalten, dass mit weniger Verbrauch mehr erreicht werden könne. Viele Bedürfnisse seien lediglich Kompensationen für Verluste der Wachstumsgesellschaft. Durch technologischen Fortschritt könnten zudem Reduktionsbestrebungen von 50 Prozent des gegenwärtigen Konsum ausreichend für eine Transformation sein. Suffizienz bildet einen wichtigen Bestandteil dieser Transformationsstrategie.1

Laut Paech müsse nicht bloß die Wertschöpfung reduziert werden, sondern ebenso müssten auch Selbstverwirklichungsansprüche zurückgenommen werden. Paech sieht die individuellen Lebensstile in direkter Verantwortung für eine Transformation, nur diese könnten nachhaltig sein. Ein Drei-Liter-Auto sei nicht per se umweltfreundlicher als ein 20 Liter verbrauchendes Auto, wenn dieses dafür seltener gefahren würde. Paech betrachtet Suffizienz auch als Ausgleich für materielle Verluste. Konsum stoße zudem an zeitliche Grenzen. Ein Tag sei weiterhin auf 24 Stunden begrenzt, zugleich nehme aber jeder Konsum Zeit in Anspruch. Erst durch eine Reduktion dieses Konsums bliebe die Zeit, um den Nutzen der verbliebenen Konsumgüter auch in Anspruch nehmen zu können. Konsumverzicht kommt demnach bei Paech eine essentielle Bedeutung zu.2

Miegel geht davon aus, dass der Wohlstand des 21. Jahrhunderts ein immaterieller sein müsse. Es gelte wenig zu brauchen und nicht viel zu besitzen. In der Gesellschaft hätten sich Konsumstandards etabliert, die nicht mehr tragbar seien. Über eine neue Ausrichtung der Bildung könnten und müssten immaterielle Quellen des Wohlstands erschlossen werden. Suffizienz ist in dieser Transformationsstrategie demnach ein Teil eines neuen Wohlstandsverständnisses.3

Das ISM kritisiert die vorherrschende Produktions- und Lebensweise bezüglich ihrer Nichtverallgemeinerbarkeit. Der globale Süden sei durch Verarmung und Umweltkatastrophen von der imperialen Lebensweise des globalen Nordens betroffen. Dieser Lebensweise sei eine nicht-materielle Lebensweise entgegen zu halten. Nicht mehr Besitz sondern das „gute Leben“ sollte zum wichtigsten Anliegen des Lebens werden. Auf Teile der bisherigen Lebensweise müsse daher verzichtet werden, jedoch könne dies zu einer Zunahme solidarischen Verhaltens führen. Auch das ISM hält Suffizienz demnach für notwendig.4

Der WBGU betont die Möglichkeit durch neue Konsummodelle wie den Übergang von Besitz- zu Nutzungsrechten Konsumgüter effizienter auszunutzen. Der Wille nach einer nachhaltigen Lebensweise sei in der Bevölkerung zwar vorhanden, aber häufig schwinde dieser Wille, sobald konkrete Maßnahmen wie die Verteuerung von Strom und Benzin vorgenommen würden. Postmaterialistische Einstellungen seien dabei nicht nur in frühindustrialisierten Gesellschaften vorzufinden. Eine erfolgreiche Transformationsstrategie müsse deutlich machen, dass eine immaterielle Lebensweise mit dem Ziel eines guten Lebens vereinbar sei und dieses sogar aufwerten könnte. Selbstbeschränkungen würden zudem künftige Chancen sichern. Suffizienz ist demnach auch für den WBGU ein Transformationskonzept, welches sich vor allem durch Pioniere des Wandels durchsetze.5

Der OECD zufolge wirken die gegenwärtigen Konsummuster ab einem gewissen Punkt wachstumshemmend. Die OECD möchte Veränderungen des Konsumverhaltens durch finanzielle Anreize, aber auch durch verstärkte Verbraucherinformation durchsetzen. Ihr geht es jedoch vor allem um einen nachhaltigen Konsum und nicht um einen allgemeinen Konsumverzicht. Nachhaltiger Konsum wäre ressourceneffizienter als herkömmlicher Konsum, hätte aber den selben Konsumumfang. Dem Staat als Großverbraucher käme bei diesem Übergang eine wichtige Bedeutung zu. Eine Zunahme nachhaltigen Konsums sei derweil abhängig vom jeweiligen technologischen Entwicklungsstand. Eine eindeutige Zuordnung ist nicht möglich.6

Das UNEP setzt bezüglich einer effizienteren Nutzung von Naturkapital auf Veränderungen entlang der gesamten Produktions- und Konsumkette. Unter anderem gehörten dazu auch Suffizienzmaßnahmen, welche aber nur kurz erwähnt und nicht weiter ausgeführt werden. Generell geht das UNEP sogar von deutlichen Konsumsteigerungen in einer Grünen Ökonomie aus. Effizienzsteigerungen führten zu einer Entkopplung von Naturverbrauch und Wachstum, so dass eine Ausweitung des Konsums möglich sei. Diese Ausweitung des Konsums steht einer Suffizienzstrategie direkt entgegen, so dass eine negative Zuordnung zu diesem Konzept vorgenommen werden kann.7

Es können demnach Strategien unterschieden werden, die auf eine Reduktion des Konsums setzen und das gute Leben immateriell definieren. Diese Suffizienzstrategie verfolgen Latouche, Paech, Miegel, das ISM und der WBGU. Die OECD und das UNEP bauen jedoch auf den Übergang zu nachhaltigem Konsum, welcher sich tendenziell sogar ausbauen lasse, da er vom Naturverbrauch entkoppelt sei. Die OECD betont jedoch, dass diese Entkopplung vom jeweiligen Stand der technologischen Entwicklung abhinge.

1Vgl. zu diesem Absatz Latouche (2009), S. 38 f., S. 54 ff. und Latouche (2011), S. 69.

2Vgl. zu diesem Absatz Paech (2012), S. 16, S. 97 ff. und S. 119 ff.

3Vgl. zu diesem Absatz Miegel (2010), S. 171 ff. und S. 237.

4Vgl. zu diesem Absatz ISM (2011), S. 1 und S. 13 f.

5Vgl. zu diesem Absatz WBGU (2011), S. 82 ff. und S. 146 f.

6Vgl. zu diesem Absatz OECD (2011a), S. 10 , S. 49 f. und S. 116 ff.

7Vgl. zu diesem Absatz UNEP (2011a), S. 260, S. 518 f. und S. 533.

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4 Gedanken zu “Das Konzept Suffizienz im Vergleich

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