Das Konzept Arbeitszeitverkürzung im Vergleich

Kommentare, Konzepte und Leitbilder

Latouche fordert die Produktivitätsgewinne nicht weiter für eine Ausweitung der Produktion zu nutzen, sondern dafür die Arbeitszeit zu verkürzen und dabei Arbeit sogleich so umzuverteilen, dass neue Arbeitsplätze entstünden. Diese Arbeitszeitverkürzung geht bei Latouche mit einer Flexibilisierung der Arbeitswelt einher. Zeitarbeitsfirmen stellten einen Weg in diese Richtung dar. Der Mensch habe in der Regel zahlreiche Talente, die bei einem einzigen Beruf häufig nicht zur Geltung kämen. Latouche unterscheidet zwischen Freizeit und befreiter Zeit. Während erstere die nach der Arbeit übrig gebliebene Zeit beschreibe, welche von einer Freizeitindustrie beherrscht sei, sei letztere Zeit, in welcher Raum für bürgerschaftliches Engagement, kreative und soziale Tätigkeiten bliebe. Arbeitszeitverkürzung ist ein essentieller Teil dieser Transformationsstrategie.1

Paech wird konkreter als Latouche und spricht sich für eine 20-Stunden-Woche aus. Darüber hinaus falle zwar weiterhin Arbeit im nicht-kommerziellen Bereich an, doch würde diese nicht-kommerzielle Arbeit durch Arbeitszeitverkürzung erst ermöglicht. Eine geringere Erwerbsarbeitszeit sei demnach Voraussetzung für eine subsistente Lebensweise. Für Paech stellt eigene Zeit einen wichtigen Inputfaktor für Subsistenz dar. Zugleich ermögliche eine subsistente Lebensweise aber auch eine Reduktion der Erwerbsarbeit, indem Einkommenseinbußen kompensiert werden könnten. Arbeitszeitverkürzung wird damit zu einem Grundelement der Suffizienz- und Subsistenzstrategie Paechs.2

Miegel sieht gerade in der Verdrängung der Arbeit aus dem Produktionsprozess eine Ursache der ökologischen Krise, welche durch eine Renaissance der Arbeitskraft teilweise behoben werden könne. Damit sei aber keine Rückkehr zu den Arbeitsbedingungen des 19. Jahrhunderts gemeint. Miegel kritisiert die geringe Lebensarbeitszeit und spricht sich für eine Erhöhung und eine zeitgleiche Flexibilisierung des Rentenalters aus. Zugleich fordert er aber auch, mindestens ein Sechstel des Jahres frei von Erwerbsarbeit zu sein. Dies ist aber weniger als Arbeitszeitverkürzung zu verstehen, sondern als intergenerationale Umverteilung der Arbeitszeit. Laut Miegel sei die Dichotomie aus Erwerbs- und Nichterwerbsarbeitszeit überholt. Zwei oder mehr Arbeitsstellen sowie Kombinationen von selbstständiger und nicht-selbständiger Arbeit sollten zum Normalfall werden. Arbeitszeit würde nach Miegel gar nicht mehr messbar. Diese Entgrenzung der Arbeit führt in Miegels Strategie letztlich zu einer Arbeitszeitverlängerung, so dass seine Position dem Konzept Arbeitszeitverkürzung entgegen steht.3

Dem ISM zufolge müssten während der Transformationsphase über Arbeitszeitverkürzung die Erwerbsarbeitszeiten umverteilt werden. Insbesondere eine gleichberechtigte Verteilung der Sorgearbeit solle dadurch ermöglicht werden. Ebenso würde darüber Raum für gesellschaftliches Engagement und Muße gewonnen. Das ISM bezieht sich dabei auf die Vier-in-Einem-Perspektive.4 Das Konzept Arbeitszeitverkürzung wird von dieser Transformations-strategie demnach befürwortet.5

Der WBGU möchte die Vereinbarkeit von Phasen gesellschaftlichen Engagements mit dem Berufsleben verbessern. Dies soll insbesondere Pionieren des Wandels den Raum verschaffen eigene Projekte zu verfolgen. Auch eine bessere Vereinbarkeit dieses Engagements mit einer entstandardisierten Arbeitswelt sei notwendig. Direkte Bezüge zu Arbeitszeitverkürzungen finden sich jedoch beim WBGU nicht, so dass eine eindeutige Zuordnung nicht vorgenommen werden kann.6

Die OECD betont unter anderem das Potential neuer Arbeitsplätze einer Transformation. Arbeitsplätze würden insbesondere in den umweltverschmutzenden Sektoren abgebaut, eben diese seien jedoch recht kapitalintensiv, so dass der Umfang an Arbeitsplätzen in diesen Sektoren bereits sehr gering sei. Hingegen sei das Jobpotential in den kaum umweltschädigenden Sektoren recht groß. Die Schaffung von Arbeitsplätzen bildet ein Kernelement der OECD-Strategie, Arbeitszeitverkürzung wird in diesem Zusammenhang jedoch nicht thematisiert, so dass keine eindeutige Zuordnung vorgenommen werden kann.7

Ebenso findet sich in der Studie des UNEP keine Position bezüglich einer Arbeitszeitverkürzung. Das UNEP konzentriert sich ebenfalls auf die Schaffung von Arbeitsplätzen. Eine Transformation schaffe langfristig mehr Arbeitsplätze als die Fortsetzung der fossilen Wirtschaftsweise. Auch beim UNEP ist eine eindeutige Zuordnung zu diesem Konzept nicht möglich.8

Arbeitszeitverkürzung wird scheinbar nur in einem Subdiskurs der Transformationsdebatte diskutiert. In diesem wird begrüßt, dass durch Arbeitszeitverkürzung Zeit für gesellschaftliches Engagement, Subsistenzarbeit und Muße frei werde. Zu dieser Position lassen sich Latouche, Paech und das ISM zählen. Auch der WBGU spricht sich für eine bessere Vereinbarkeit von gesellschaftlichen Engagement und Erwerbsarbeit aus, nimmt dabei aber keinen Bezug zum Konzept Arbeitszeitverkürzung. In Folge einer sozial-ökologischen Transformation wird jedoch auch von einer höheren Arbeitsintensivität ausgegangen. Auf diese Weise würden zum einen Arbeitsplätze geschaffen, was insbesondere von dem UNEP und der OECD begrüßt wird, zum anderen könne diese gestiegene Arbeitsintensivität durch eine suffiziente Lebensweise ausgeglichen werden. Miegel hält angesichts einer ansteigenden Arbeitsintensität bei sinkendem materiellen Wohlstand sogar eine Entgrenzung der Arbeitszeit für notwendig.

1Vgl. zu diesem Absatz Latouche (2009), S. 40 f. und Latouche (2011), S. 73.

2Vgl. zu diesem Absatz Paech (2012), S. 130 ff. und S. 151.

3Vgl. zu diesem Absatz Miegel (2010), S. 186 ff. und S. 223 ff.

4Die Vier-In-Einem-Perspektive zielt auf eine gleichwertige Verknüpfung der vier zentralen Lebensbereiche: Produktionsarbeit, Reproduktionsarbeit, Eigenarbeit und politische Arbeit (vgl. Haug (2011)).

5Vgl. zu diesem Absatz ISM (2011), S. 12 f.

6Vgl. zu diesem Absatz WBGU (2011), S. 279.

7Vgl. OECD (2011a), S. 89 ff.

8Vgl. UNEP (2011a), S. 529.

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