Das Konzept Redistribution im Vergleich

Kommentare, Konzepte und Leitbilder

Latouche spricht sich für eine Umverteilung der Vermögenswerte und natürlichen Ressourcen sowohl auf globaler als auch auf nationaler Ebene aus. Diese Umverteilung sei Voraussetzung für eine Reduktion des Konsums. Zum einen gebe es in einer homogeneren Gesellschaft weniger Anreiz zu Statuskonsum und zum anderen führe eine Umverteilung zwischen Nord und Süd zu einer Entmachtung der globalen Verbraucherklasse. Unter Umverteilung versteht Latouche nicht nur mehr zu geben, sondern auch weniger vom globalen Süden zu nehmen. Ein Bestandteil seiner Umverteilungspolitik bestünde darin, einen Markt über Konsum- und Verbrauchsrechte zu etablieren. Redistribution wird somit zu einem wesentlichen Element seiner Transformationsstrategie.1

Paech schlägt Obergrenzen für Einkommen und Vermögen vor sowie ein an Bedingungen geknüpftes Grundeinkommen.2 Er verfolgt damit weniger eine Strategie der Umverteilung als eine der Eingrenzung in den Extremen. Paech sieht ein Verständnis von Sozialem kritisch, welches sozialen Fortschritt mit der Zunahme von Konsumgütern gleich setze.3 Diese Kopplung führe zu einem stetig steigendem Existenzminimum und einer immer stärkeren Abhängigkeit von Fremdversorgung. Diese Abhängigkeit von Fremdversorgungsleistungen führe zu Verlustängsten, welchen durch eine resiliente Lebensweise entgegengewirkt werden müsse.4 Die ökologische Plünderung sei nicht dadurch zu legitimieren, dass deren Resultate gerecht verteilt würden.5 So spricht sich Paech gegen Subventionierungen öffentlicher Daseinsfürsorge aus, da diese den wahren Preis verfälschten und zugleich finanziellen Spielraum für darüber hinausgehenden Konsum ließen.6 Seine Strategie umfasst vielmehr Suffizienz und Subsistenz. Nicht eine Ausweitung der Möglichkeiten, sondern deren Beschränkung sei notwendig.7 Redistribution steht Paech demnach ablehnend gegenüber.

Miegel kritisiert, dass der Wohlfahrtsstaat in seinem jetzigen Umfang nicht aufrecht zu erhalten sei und die materiellen Leistungen gekürzt werden müssten. Mittelfristig könne der Sozialstaat nur noch das Existenzminimum sichern. Der Sozialstaat müsse zudem von Erwerbsarbeit entkoppelt und insbesondere über Konsumsteuern finanziert werden. An die Stelle des Sozialstaats müsse der Gemeinsinn treten. Soziale Fürsorge würde zur freiwilligen Aufgabe der ökonomisch Bessergestellten. Materieller Umverteilung seien ohne wirtschaftliches Wachstum enge Grenzen gesetzt. Ähnlich wie Paech kommt Miegel zu dem Ergebnis, dass die materielle Würdigung von Leistung maßlos geworden sei. Entsprechend wird Redistribution als Konzept der sozial-ökologischen Transformation abgelehnt.8

Das ISM erklärt eine gerechte Umverteilung zu einer von drei Dimensionen einer sozial-ökologischen Transformation. Sein Begriff von Umverteilung bezieht sich dabei sowohl auf materielle als auch auf immaterielle Ressourcen.9 Die materielle Umverteilung umfasse sowohl den gleichen Zugang zu öffentlichen Infrastrukturen als auch eine solidarische Erneuerung der Sozialsysteme. Große Einkommens- und Vermögensunterschiede verstärkten die Konkurrenz und damit einhergehende Ausbeutungen von Mensch und Natur. Zudem lindere materielle Umverteilung die sozialen Kosten der Naturausbeutung. Redistribution bildet demnach ein Kernelement der Transformationsstrategie des ISM.10

Der WBGU spricht sich für ein neues Verständnis von Wohlfahrtsstaatlichkeit aus, welches auf der Klima-, Energie- und Umweltpolitik basiere.11 Eine Reduktion des BIP-Wachstums wird unter anderem deshalb abgelehnt, weil dadurch Kompensationsleistungen erschwert würden.12 Darüber hinaus finden sich in der Studie jedoch keine Aussagen zu materieller Umverteilung und sozialstaatlichen Leistungen. Umverteilung wird zwar als legitim, aber nicht als Instrument einer sozial-ökologischen Transformation gesehen. Eine eindeutige Zuordnung ist jedoch nicht möglich.

Die OECD betrachtet Umverteilung vor allem als strategisches Moment, um die Bereitschaft der Bevölkerung für einen Wandel zu erhalten. Dabei spricht sie sich dafür aus die Kosten der Transformation relativ am Einkommen zu orientieren. Über Sozialtransfers und Steuererleichterungen sollten steigende Kosten für Naturverbrauch ausgeglichen werden. Die Transformation könne letztlich den Wohlstand steigern und dabei Einkommensunterschiede reduzieren. Die OECD weist darauf hin, dass durch die multiple Krise insbesondere ärmere Haushalte betroffen seien, so dass eine erfolgreiche Transformation deren Situation verbessere. Generell befürwortet die OECD direkte finanzielle Transferleistungen und ist Subventionierungen gegenüber ablehnend. Umverteilung soll vor allem den Status Quo absichern und verhindern, dass die Transformation die Situation der Ärmsten verschlimmere. Anders als bei Latouche und dem ISM soll über materielle Umverteilung jedoch kein Abbau sozialer Ungleichheiten erreicht werden. Eine eindeutige Zuordnung gegenüber dem Konzept Redistribution ist nicht möglich.13

Auch das UNEP weist darauf hin, dass die Verlierer der Transformation über den Wohlfahrtsstaat versorgt werden müssten. Subventionen seien hierfür ungeeignet, da von diesen häufig reichere Haushalte profitierten. Das UNEP folgt hier der Argumentation der OECD. Eine eindeutige Zuordnung kann ebenfalls nicht vorgenommen werden.14

Bei Latouche und dem ISM ist Redistribution ein wesentliches Konzept sozial-ökologischer Transformation. Insbesondere Statuskonsum soll darüber abgebaut werden. Paech und Miegel betonen jedoch die materielle Orientierung von Umverteilungsmaßnahmen und setzen dem eine suffiziente und subsistente Lebensweise entgegen, welche unabhängig von sozialstaatlichen Leistungen mache. Beim WBGU, der OECD und dem UNEP wird materielle Umverteilung jedoch vor allem als Kompensation für Transformationsverlierer gesehen und soll dessen Akzeptanz absichern. Ein Konzept des Wandels ist es in diesen Strategien jedoch nicht.

1Vgl. zu diesem Absatz Latouche (2009), S. 36 ff. und Latouche (2011), S. 68.

2Vgl. Paech (2012), S. 139.

3Vgl. Paech (2012), S. 65.

4Vgl. Paech (2012), S. 66 f.

5Vgl. Paech (2012), S. 23.

6Vgl. Paech (2012), S. 23.

7Vgl. Paech (2012), S. 119.

8Vgl. zu diesem Absatz Miegel (2010), S. 179 f. und S. 202 ff.

9Eine Umverteilung immaterieller Ressourcen soll insbesondere durch eine gleiche Zugangsberechtigung zu Bildungs- und Kulturgütern, aber auch durch eine Umverteilung der Erwerbsarbeit zugunsten der Geschlechtergerechtigkeit gewährleistet werden (vgl. ISM (2011), S. 14).

10Vgl. zu diesem Absatz ISM (2011), S. 14 f.

11Vgl. WBGU (2011), S. 217.

12Vgl. WBGU (2011), S. 189.

13Vgl. zu diesem Absatz OECD (2011a), S. 13 und S. 100 f.

14Vgl. zu diesem Absatz UNEP (2011a), S. 561 f.

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