Das Konzept Kultureller Wandel im Vergleich

Kommentare, Konzepte und Leitbilder

Latouche stellt die Relevanz einer „Umwertung“ heraus. Damit ist gemeint, dass wesentliche Werte der gegenwärtigen Gesellschaft verändert werden müssten (z.B. Altruismus statt Egoismus). Freizeit und Spiel sollten den Stellenwert der Arbeit ersetzen. Anstatt die Natur zu dominieren, sollte in Einklang mit der Natur gelebt werden. Die auf Wettbewerb ausgerichtete Konsumgesellschaft müsse durch eine auf Kooperation basierende Gesellschaft ersetzt werden. Diese neuen Werte führten zu einer Restrukturierung der Produktion, welche sich an diese anpassen müsse. Ein kultureller Wandel ist für Latouche demnach zentral.1

Paech wiederum fordert „Nachhaltigkeitsbildung“ ein sowie eine Abkehr vom abstrakten Wissen und der Erziehung zu globaler Flexibilität hin zu konkreter Befähigung und lokaler Verankerung. Für ihn steht die Lebensstilfrage im Mittelpunkt. Erst wenn sich dieser wandle, würden auch politische Maßnahmen folgen. Paech fokussiert sich insbesondere auf einen kulturellen Wandel weg vom Konsumismus. Selbstverwirklichung müsse in Anlehnung an Kants kategorischen Imperativ in materiellen Grenzen bleiben, die verallgemeinerbar seien. Ein kultureller Wandel bildet demnach für Paech die Basis einer sozial-ökologische Transformation.2

Für Miegel ist ein kultureller Wandel ebenfalls entscheidend. Er sei Voraussetzung für die Überwindung der multiplen Krise. Auch ihm geht es um die Herausbildung neuer Lebensstile. Miegel sieht in der Bildungspolitik einen wichtigen Beitrag darin, einen Wertewandel herbeizuführen. Bildung ermögliche zudem immaterielle Lebensstile. Miegel unterstützt demnach ebenfalls das Konzept des kulturellen Wandels.3

Auch das ISM geht in seiner Transformationsstrategie von veränderten Lebensstilen aus. Nicht-materielle Bedingungen des Lebens sollen in den Vordergrund rücken und an die Stelle von Wettbewerb sollte Solidarität treten. Ein solcher kultureller Wandel setze jedoch eine Erneuerung der Demokratie und einen öffentlichen Diskurs voraus. Ebenso käme einer demokratischen Bildung bei diesem Wandel eine bedeutende Rolle zu. Kultureller Wandel geht beim ISM einher mit einem Wandel der gesellschaftlichen Verhältnisse. Er bildet also nicht selbst die Voraussetzung eines gesellschaftlichen Wandels, ist aber Teil der Transformationsstrategie des ISM, so dass eine positive Zuordnung vorgenommen werden kann.4

Kultureller Wandel sei dem WBGU zufolge Voraussetzung für die Zustimmungsfähigkeit zur Transformation. Werte und Handlungen fielen jedoch häufig auseinander. Eben diese Kluft sei durch eine sozial-ökologische Transformation zu schließen. Insbesondere in der Förderung der Pioniere des Wandels sieht der WBGU ein wesentliches Moment für die Transformation. Diese lebten vor, wie Werte und Handlungen miteinander in Bezug gebrachte werden könnten. Darüber hinaus greift der WBGU die Diskussion um das „Gute Leben“ auf, welche weltweit geführt werde. Im Sinne des Fähigkeitenansatzes ginge es darum Optionen künftiger Generationen durch heutiges Handeln zu erhalten. Ein Wertewandel ist demnach auch für den WBGU zentral.5

Bei der OECD steht die Veränderung des Konsumentenverhaltens im Vordergrund und weniger ein allgemeiner kultureller Wandel. Diese Verhaltensänderung soll vor allem durch eine bessere Informationspolitik und ökonomische Anreize bewirkt werden, aber auch Bildung könne dazu beitragen. Ein kultureller Wandel ist derweil kein Konzept der Transformationsstrategie der OECD, auch wenn ein solcher nicht ausgeschlossen wird, so dass Neutralität gegenüber dem Konzept kultureller Wandel attestiert werden kann.6

Das UNEP nimmt eine ähnliche Position wie die OECD ein. Auch hier wird eine Verhaltensänderung angestrebt. Diese müsse jedoch durch ökonomische Anreize und verbesserte Informationspolitik unterstützt werden.7 Dem UNEP geht es also weniger um einen kulturellen Wandel als um Verhaltensänderung durch Anreize. Dennoch wird ein Einstellungswandel zu mehr Nachhaltigkeit begrüßt, so dass von Neutralität bezüglich eines kulturellen Wandels ausgegangen werden kann.

Unterscheiden lässt sich die Debatte hier nach Positionen wie derjenigen von Latouche, Paech, Miegel, dem ISM und dem WBGU, die einen kulturellen Wandel für notwendig halten und Positionen wie derjenigen der OECD und des UNEP, welche durch Anreize Verhaltensänderungen bewirken möchten, aber keinen allgemeinen kulturellen Wandel forcieren.

1Vgl. zu diesem Absatz Latouche (2009), S. 34 ff. und Latouche (2011), S. 67.

2Vgl. zu diesem Absatz Paech (2012), S. 57 und S. 138 ff.

3Vgl. zu diesem Absatz Miegel (2010), S. 229 ff.

4Vgl. zu diesem Absatz ISM (2011), S. 13 f.

5Vgl. zu diesem Absatz WBGU (2011), S. 84 f.

6Vgl. zu diesem Absatz OECD (2011a), S. 50.

7Vgl. UNEP (2011a), S. 398 f.

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