Das Konzept Lokale Versorgung im Vergleich

Kommentare, Konzepte und Leitbilder

Die Relokalisierung ist eine von acht Kernforderungen Latouches. Der Austausch von Waren und Kapital sollte aufs Wesentliche reduziert werden. Latouche hält zwei Aspekte der Relokalisierung für wesentlich: zum einen die Möglichkeiten politischer Partizipation, die durch lokale demokratische Einheiten entstünden und zum anderen die ökonomische Autonomie, die durch suffiziente und subsistente lokale Einheiten entstünde. Die Zuordnung zu diesem Konzept ist folglich eindeutig positiv.1

Bei Paech ist eine „Ökonomie der Nähe“ zentral für seine Theorie der Suffizienz und der Subsistenz. Die damit einhergehenden kürzeren Transportwege reduzierten die Kapitalintensität der Produktion, welche zu einer Ausbeutung der Natur führe. Paech unterscheidet drei Formen der Versorgung:

„Entmonetarisierte Lokalversorgung, regionalökonomische Systeme auf Basis zinsloser Komplementärwährungen und – als zu minimierende Restgröße – Leistungen aus globaler Arbeitsteilung […]“.2

Er bezieht insofern auch Eigenarbeit beziehungsweise Arbeit im Freundes- und Bekanntenkreis, die ohne Geld auskommt, in eine lokale Versorgung mit ein. Dem Konzept lokale Versorgung kann Paechs Strategie positiv zugeordnet werden.3

Bei Miegel kommt der Familie eine neue Bedeutung zu, indem sie auch wirtschaftliche und soziale Funktionen übernehme, die zuvor dem Staat zufielen. Stabile familiäre Beziehungen würden materiellen Wohlstand ersetzen. Diese Familien müssten jedoch in größere Verbände eingebunden werden, um wegfallende staatliche Leistungen ausgleichen zu können. Die Familie kommt dem gleich, was Paech „entmonetarisierte Lokalversorgung“ nennt. Miegel geht davon aus, dass der gegenwärtige Stand der Mobilität und der globalen Arbeitsteilung auch bei technischem Fortschritt nicht aufrecht erhalten werden könne. Daher müssten Produktion und Konsum wieder näher beieinander liegen. Das Konzept lokale Versorgung wird insofern befürwortet.4

Das ISM fordert eine lokale Energieversorgung. Diese sei Voraussetzung für die Durchsetzung erneuerbarer Energien. Energieautonomie soll auch als Teil einer Erneuerung der Demokratie verstanden werden. Zentrale Großprojekte wie Desertec kritisiert das ISM als eine Manifestierung der Machtbasis der Energiekonzerne. Lokale Energieversorgung wird beim ISM zum Garant einer Demokratisierung. Da jedoch nur die Energiesysteme thematisiert werden, lässt sich keine eindeutige Zuordnung treffen.5

Beim WBGU finden sich zwar unter den Pionieren des Wandels auch solche, welche lokale Versorgung praktizieren, aber ebenso finden sich auch Pioniere des Wandels, welche global agieren.6 Allenfalls trage lokale Versorgung zu einem Bewusstseinswandel durch Pioniere des Wandels bei. Generell wird die Globalisierung jedoch nicht in Frage gestellt. Es würden vielmehr neue globale Regulierungen benötigt, um die Krisenanfälligkeit der globalen Weltwirtschaft zu bearbeiten.7 Eine eindeutige Zuordnung ist nicht möglich.

Die OECD betont wiederum geradezu die Relevanz globalen Handels für die Verbreitung ökoeffizienter Technologien. Nachhaltiges Wachstum brauche globalen Handel. Dieser müsse jedoch ökologisch flankiert werden. Nationale Handelsbeschränkungen könnten derweil Entwicklungsmöglichkeiten von spätindustrialisierten Staaten einschränken. Green Growth soll entsprechend nicht zu Protektionismus führen. Globaler Handel müsse vielmehr ausgebaut werden. Das Konzept lokale Versorgung wird entsprechend abgelehnt.8

Das UNEP betont die gegenwärtige Bedeutung der Subsistenzwirtschaft, welche die Existenzgrundlage von 1,3 Milliarden Menschen bilde. Gerade diese seien von der multiplen Krise betroffen. Eine grüne Landwirtschaft setze auf eine Wirtschaftsweise, welche das Naturkapital schütze. Technologien und Praktiken sollten dahingehend überprüft werden, ob sie mit einer ökologischen Landwirtschaft vereinbar seien. Doch auch Subsistenzwirtschaften schädigten den Boden. Ebenso betont das UNEP wie die OECD die positiven Effekte des globalen Handels. Es bestünde ein Konflikt zwischen dem insbesondere für die Entwicklung spätindustrialisierter Länder förderlichen globalen Handel und dessen ökologischem Fußabdruck. Letztlich könne auch eine lokale Versorgung Teil einer grünen Ökonomie sein. Da das UNEP diesen Konflikt nicht auflöst, ist eine eindeutige Zuordnung nicht möglich.9

In der Debatte um eine lokale Versorgung schwingen demnach zwei Momente mit. Zum einen wird eine Ökonomie der Nähe eingefordert, um durch kurze Wege den Ressourcenverbrauch zu minimieren. Diese Position wird von Latouche, Paech und Miegel unterstützt. Zum anderen wird die Diffusion von Know-How durch globalen Austausch in den Vordergrund gestellt wie von der OECD vorgebracht. Das UNEP bildet derweil eine Zwischenposition, in welcher beide Positionen reflektiert werden. Das ISM und der WBGU lassen sich nicht eindeutig zuordnen. Das ISM spricht sich zwar für eine lokale Energieversorgung aus, nimmt ansonsten aber keinen Bezug auf das Konzept lokale Versorgung. Auch der WBGU diskutiert dieses Konzept nicht, hält die Krisenanfälligkeit globalen Handels aber für regulierbar.

1Vgl. zu diesem Absatz Latouche (2009), S. 37 ff.

2Paech (2012), S. 119.

3Vgl. zu diesem Absatz Paech (2012), S. 114 ff.

4Vgl. zu diesem Absatz Miegel (2010), S. 205 ff. und S. 233.

5Vgl. zu diesem Absatz ISM (2011), S. 16 ff.

6Vgl. WBGU (2011), S. 255 ff.

7Vgl. WBGU (2011), S. 51.

8Vgl. zu diesem Absatz OECD (2011a), S. 102 ff.

9Vgl. zu diesem Absatz UNEP (2011a), S. 16, S. 42, S. 68 und S. 629.

Advertisements

3 Gedanken zu “Das Konzept Lokale Versorgung im Vergleich

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s