Das Konzept BIP-Wachstum im Vergleich

Kommentare, Konzepte und Leitbilder

Die Kritik an der Wachstumsorientierung bildet den Kern von Latouches Analyse. Latouche spricht sich für Décroissance beziehungsweise Degrowth aus. Darunter versteht er jedoch kein negatives Wachstum, vielmehr sei eine Abkehr von der Wachstumsorientierung notwendig. Die Gesellschaft müsse im Sinne eines a-growth1 wachstumsunabhängig gemacht werden. Wachstum sei momentan nur profitabel, weil es seine sozialen und ökologischen Kosten externalisiere. Latouche spricht sich für eine Abkehr vom Wachstum aus. Das BIP müsse zwar nicht unbedingt schrumpfen, aber dessen Schrumpfung sollte in einer Postwachstumsgesellschaft keine negativen gesellschaftlichen Folgen mehr aufweisen. BIP-Wachstum steht Latouche demnach neutral gegenüber.2

Paech kritisiert den gegenwärtigen Wachstumszwang und spricht sich für eine Postwachstumsökonomie aus. Er betrachtet das BIP als ein Messinstrument für ökologische Zerstörung. Wachstum sei nicht ohne Ausbeutung der Umwelt zu realisieren, auch Entkopplungsstrategien könnten daran nichts ändern. Anders als Latouche spricht sich Paech nicht bloß für Wachstumsunabhängigkeit aus, sondern hält eine Reduktion der industriellen Produktion für notwendig. Die Zuordnung zu diesem Konzept ist demnach eindeutig negativ.3

Miegels Wachstumskritik entspringt der Überlegung, dass es in der westlichen Wohlstandsgesellschaft keines weiteren Wachstums mehr bedürfe, um Wohlstand zu erzeugen, vielmehr seien Wachstum und Wohlstand entkoppelt. Die Kosten des Wachstums würden zunehmend den Wohlstand aufzehren. Wachstum allein repräsentiere jedoch nur die materielle Wohlstandsmehrung, dieses Wohlstandsverständnis sei jedoch verkürzt. Das Verständnis von Wohlstand müsse sich von der Mehrung materieller Güter lösen und stärker immaterielle Werte berücksichtigen. Wie Latouche geht es Miegel um Wachstumsunabhängigkeit, eine Reduktion des BIP-Wachstums wie Paech fordert er nicht. Seine Position lässt sich demnach als neutral gegenüber einem BIP-Wachstum zuordnen.4

Das ISM versucht in seiner Transformationsstrategie das Konzept BIP-Wachstum mit seinem Gegenteil Reduktion des BIP-Wachstums zu versöhnen. Für einen Übergangszeitraum sei ein umweltverträgliches Wachstum notwendig, um grüne Technologien zu etablieren.5 Um einem Rebound-Effekt vorzubeugen und weitere soziale Verschärfungen einzudämmen, sei längerfristig jedoch eine Wirtschaft ohne Wachstum notwendig.6 Latouche wendet sich in seinem Buch genau gegen diese Argumentation, dass weiteres Wachstum notwendig sei, um eine Postwachstumsgesellschaft möglich zu machen.7 Das ISM erwähnt zwar, dass eine Reduktion des BIP-Wachstums notwendig sei, integriert diese Reduktion jedoch nicht in ihre Strategie. Auch bleibt unklar, wann die Übergangsphase ihr Ende finden soll. Eine Wirtschaft ohne Wachstum stellt hier vielmehr ein Ziel der sozial-ökologischen Transformation dar, ist selbst aber kein Transformationskonzept. Die Position des ISM lässt sich daher als positiv bezüglich des Konzeptes BIP-Wachstum einordnen, mittelfristig dürfe das BIP-Wachstum jedoch keine relevante Größe mehr sein.Von Interesse sind in dieser Arbeit jedoch die direkt umzusetzenden Konzepte.

Der WBGU diskutiert die Vor- und Nachteile von Wirtschaftswachstum. Dieses bilde einen wesentlichen Faktor für CO2-Emissionen, auch habe eine Entkopplung zwischen CO2-Ausstoß und BIP-Wachstum bisher nicht stattgefunden. Dennoch sei eine absolute Entkopplung durch technische Innovationen denkbar. Wirtschaftswachstum könne insbesondere die Bedingungen für eine sozial-ökologische Transformation verbessern. Es liefere die nötigen finanziellen Ressourcen für notwendige Investitionen sowie für Kompensationsleistungen für Verlierer der Transformation. Der WBGU befürwortet das Konzept BIP-Wachstum infolgedessen.8

Die OECD trägt die Wachstumsorientierung bereits im Titel ihrer Arbeit „Towards Green Growth“. Sie kritisiert zwar, dass das BIP als Wohlstandsindikator wichtige Bestandteile des Wohlstands ausblende, es sei jedoch möglich, durch die richtige Politik negative Effekte des Wachstums auszugleichen.9 Die Zuordnung der OECD-Strategie zu dem Konzept ist demzufolge eindeutig positiv.

Das UNEP betrachtet die meisten Wachstumsstrategien eher kritisch, da diese auf eine wenig nachhaltige Akkumulation von Kapital setzten. Dieses Wachstum habe den Wohlstand und die Lebensqualität bedroht und in die multiple Krise geführt. Diese Analyse führt das UNEP jedoch nicht zu einer generellen Kritik am Wachstum, sondern ist Anlass für ihre Strategie einer Green Economy, welche naturverträgliche Wachstumspotentiale befördern soll. Das UNEP betrachtet Wachstum als Kernelement seiner Transformationsstrategie, auch wenn es sich zugleich für eine Korrektur des BIP-Indikators ausspricht. Folglich wird das Konzept BIP-Wachstum entsprechend befürwortet.10

Der Transformationsdiskurs teilt sich an der Wachstumsfrage in Wachstumsbefürworter wie das UNEP, die OECD, den WBGU und das ISM und Wachstumskritiker wie Miegel, Paech und Latouche. Dabei ist innerhalb der Wachstumskritiker zwischen den Positionen von Miegel und Latouche auf der einen Seite und Paech auf der anderen Seite zu unterscheiden. Während Miegel und Latouche sich für Wachstumsneutralität aussprechen, fordert Paech eine Reduktion des BIP-Wachstums. Das ISM zeigt sich anschlussfähig an den wachstumskritischen Diskurs, hält aber eine weitere Wachstumsperiode für notwendig.

1Bei a-growth steht nicht wie bei Degrowth das BIP-Wachstum in der Kritik, sondern die Orientierung am BIP als Wohlstandsindikator. Dies hat eine indifferente Einstellung zum BIP zur Folge (vgl. van den Bergh (2011), S. 885).

2Vgl. zu diesem Absatz Latouche (2009), S. 8 und S. 31.

3Vgl. zu diesem Absatz Paech (2012), S. 9 ff. und S. 113.

4Vgl. zu diesem Absatz Miegel (2010), S. 28 f. und S. 159 ff.

5Vgl. ISM (2011), S. 11 f.

6Vgl. ISM (2011), S. 12.

7Vgl. Latouche (2009), S. 21.

8Vgl. zu diesem Absatz WBGU (2011), S. 135 und S. 188 f.

9Vgl. OECD (2011a), S. 10.

10Vgl. zu diesem Absatz UNEP (2011a), S. 14 ff.

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