Latouche: Farewell to Growth

Kommentare, Konzepte und Leitbilder

Serge Latouche gilt als geistiger Vater der Degrowth Bewegung.1 Diese wachstumskritische Bewegung nimmt ihren Ursprung in Südeuropa, ist inzwischen aber international verbreitet. Latouche selbst sieht die Ursprünge dieses theoretischen und zugleich praktischen Ansatzes einer konkreten Utopie2 in den entwicklungskritischen Diskursen des globalen Südens, insbesondere im afrikanischen Kontext.3 Sie stelle zuvorderst eine Kritik an der Konsumgesellschaft dar, welche sich insbesondere durch Werbung, Kredite und geplante Obsoleszenz4 auszeichne.5 Latouche beschreibt das Ziel von Degrowth wie folgt:

„Its goal is to build a society in which we can live better lives whilst working less and consuming less.“6

Die Konsumgesellschaft könne angesichts des gegenwärtigen ökologischen Fußabdrucks in ihrer jetzigen Form nicht erhalten werden. Latouche wendet sich strikt gegen die vermeintliche Lösung des ökologischen Problems durch Bevölkerungsbegrenzung. Ebenso sei die weitere Orientierung am Wachstum falsch, denn dieses sei nur profitabel auf Kosten der Natur, künftiger Generationen, der Gesundheit, der Arbeitsbedingungen und der Länder des globalen Südens. Stattdessen brauche es eine kulturelle Revolution.7

Einer solchen kulturellen Revolution lägen acht Kernelemente zu Grunde: Unter re-evaluate versteht Latouche die Verbreitung neuer Werte. Freizeit und Spiel sollten den Zwang zur Arbeit ersetzen. Anstatt die Natur zu beherrschen, sollte der Mensch in Harmonie mit ihr leben. Als zweites Kernelement nennt Latouche die Notwendigkeit eines reconceptualize. Bestehende Konzepte wie Wohlstand und Armut oder Mangel und Fülle müssten neu bestimmt werden. Latouche kritisiert insbesondere die künstlichen durch Kommodifizierung entstehenden Knappheiten und Mängel. Restructure, also die Restrukturierung der Produktion sowie der sozialen Verhältnisse, bildet ein weiteres Kernelement. Darunter versteht Latouche den Umbau der Produktion entsprechend der neuen Werte. In diesem Kontext stelle sich auch die Eigentumsfrage. Zur Reduktion des Konsums trage zudem Umverteilung (redistribute) bei. Zum einen durch Umverteilung zwischen dem globalen Norden und dem globalen Süden durch Beschränkung der globalen Verbraucherklasse und zum anderen durch den Rückgang von Statuskonsum in homogeneren Gesellschaften. Latouche schlägt die Etablierung eines Marktes für Naturgebrauch vor, bei dem jeder entsprechend des ökologischen Fußabdrucks die selben Rechte genieße und auf dem Markt anbieten könne. Im Fokus stehe jedoch relocalize, also die Lokalisierung der Ökonomie. Ideen sollten zwar weiterhin global kursieren, aber der globale Austausch von Waren und Kapital sollte auf das Wesentliche beschränkt werden. Diese Lokalisierung der Ökonomie gehe einher mit reduce, also der Reduzierung von Konsum, Massentourismus, aber auch der Arbeitszeit. Unter dem Begriff re-use fasst Latouche schließlich die Eindämmung geplanter Obsoleszenz oder auch Formen der Kreislaufwirtschaft.8

Von diesen acht Konzepten hebt Latouche insbesondere drei als strategisch bedeutsam hervor: re-evaluation, reduction und relocalisation, wobei letzteres für Latouche von besonders zentraler Bedeutung für seine konkrete Utopie ist. Die lokalen Einheiten würden von unfairen Wettbewerbern geschützt und durch regionale Währungen gestärkt. Die Relokalisierung ginge einher mit einer suffizienten Lebensweise. Diese Veränderungen könnten eine Lebensweise im Einklang mit dem ökologischen Fußabdruck ermöglichen ohne Wohlstandsverluste hinnehmen zu müssen.9

Latouche ergänzt diese Politik der Relokalisierung um eine Politik der Internalisierung externer Kosten. Dabei sollen Ökosteuern, Maschinensteuern, Mehrwertsteuern oder Finanztransaktionssteuern Steuern auf Arbeit ersetzen und Verbrauch weniger attraktiv machen. Latouche will durch diese Entlastung der Arbeit auch das Recht auf Arbeit verwirklichen. Die Aufwertung und Absicherung der Arbeit sei zugleich Voraussetzung für dessen Reduzierung. Weniger die Arbeitsstunden stünden dabei im Vordergrund, sondern die abnehmende Bedeutung von Arbeit innerhalb der Gesellschaft.10

1Vgl. Latouche (2009), S. Vii.

2Der Begriff konkrete Utopie geht auf Ernst Bloch zurück und beschreibt den Zustand einer Gesellschaft, nach einer real möglichen Gesellschaftstransformation (vgl. Bloch (1959)).

3Vgl. Latouche (2009), S. 56.

4Geplante Obsoleszenz bezeichnet den absichtlichen Verschleiß von Gütern seitens der Hersteller.

5Vgl. Latouche (2009), S. 17.

6Latouche (2009), S. 9.

7Vgl. zu diesem Absatz Latouche (2009), S. 23 ff. und S. 31 f.

8Vgl. zu diesem Absatz Latouche (2009), S. 34 ff.

9Vgl. zu diesem Absatz Latouche (2009), S. 43 ff. und S. 69.

10Vgl. zu diesem Absatz Latouche (2009), S.72 f. und S. 81 f.

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