Paech: Befreiung vom Überfluss

Kommentare, Konzepte und Leitbilder

Niko Paech vertritt in seinem Buch „Befreiung vom Überfluss – Auf dem Weg in eine Postwachstumsökonomie“ drei Thesen:

„Erstens: Unser ohne Wachstum nicht zu stabilisierender Wohlstand ist das Resultat einer umfassenden ökologischen Plünderung. […] Zweitens: Jegliche Anstrengungen, wirtschaftliches Wachstum durch technische Innovationen von ökologischen Schäden zu entkoppeln, sind bestenfalls zum Scheitern verurteilt. […] Drittens: Das Alternativprogramm einer Postwachstumsökonomie würde zwar auf eine drastische Reduktion der industriellen Produktion hinauslaufen, aber erstens die ökonomische Stabilität der Versorgung (Resilienz) stärken und zweitens keine Verzichtsleistung darstellen, sondern sogar die Aussicht auf mehr Glück eröffnen“.1

Paech spricht von einem reziproken Quasiimperialismus, wenn er die globale Ausweitung der wirtschaftlichen Verknüpfungen beschreibt. Dieser habe auch Einzug in die individuelle Sphäre gehalten. Was auf der einen Seite das wirtschaftliche Wachstum sei, sei auf der persön­lichen Seite der Drang zur Selbstverwirklichung. Generell ginge es um eine Ausweitung der Optionen. Dass diese Konsum- und Produktionsweise künftige Optionen einschränke, werde durch einen Glauben an technische Innovationen kompensiert. Da diese Konsum- und Produktionsweise jedoch dominiere, seien politische Lösungen kaum durchsetzbar.2

Die materiellen Ansprüche unserer Gesellschaft fußen laut Paech auf einer dreifachen Entgrenzung. „Energiesklaven“3 – so bezeichnet Paech technische Innovationen, die dem Menschen physische Arbeit abnehmen – entgrenzten von körperlicher Tätigkeit, globale Wertschöpfungsketten entgrenzten von lokal verfügbaren Ressourcen und Verschuldung führe zu einer zeitlichen Entgrenzung des Verbrauchs. Diese dreifache Entgrenzung führe zu einer ökologischen Plünderung, welche somit die eigentliche Grundlage unseres materiellen Wohlstands sei.4

Eine Überwindung dieser dreifachen Entgrenzung stelle eine Rückkehr zum „menschlichen Maß“5 dar. Jedem Menschen stünde demnach ein individueller CO2-Verbrauch von 2,7 Tonnen im Jahr zu. Dies verlange deutlich weniger Mobilität. Auch sei eine Reduktion der Arbeitszeit notwendig, um zu verhindern, dass Arbeitszeitgewinne durch technische Innovationen zu einer Produktionssteigerung führten. Zugleich sei aber auch eine Abkehr von der zunehmenden Spezialisierung denkbar, um Energiesklaven zu ersetzen. Im Kern dieser Vorschläge stehe die Regulierung eines maßlosen Konsums. Dieser sei ebenso Ausbeutungsinstrument wie die Mehrwertaneignung des Kapitalisten in der marxistischen Theorie. Jeweils würde Leistung ohne entsprechende Gegenleistung angeeignet: zum einen in Form von Arbeit der Lohnarbeiter und zum anderen in Form von Ökosystemdienstleistungen der Umwelt.6

Seine Suffizienzstrategie stellt Paech als erfolgversprechende Alternative zu Effizienz- und Konsistenzstrategien eines Grünen Wachstums gegenüber. Deren Wirksamkeit würde durch den Rebound-Effekt verhindert, welcher vielfach lediglich zu einer Verlagerung ökologischer Probleme führe, indem Effizienzvorteile durch einen größeren Konsum wieder ausgeglichen würden.7

Relative Entkopplung könne zwar den ökologischen Schaden je produzierter Einheit verringern, dennoch bliebe je produzierter Einheit ein höherer Schaden als ohne dessen Produktion. Doch auch absolute Entkopplung könne die ökologische Plünderung nicht aufhalten. Sie sei ein Prozess schöpferischer Zerstörung.8 Neue Produktionsweisen absoluter Entkopplung ersetzten zwangsweise alte Produktionsweisen, welche dann als brachliegendes Kapital zurückblieben. Zugleich sei absolute Entkopplung nicht vereinbar mit einer auf Wachstum basierenden Wirtschaftsweise. Letztlich beruhten Entkopplungsstrategien auf einer Objektorientierung, jedoch könnten allein Lebensstile nachhaltig sein. So sage der Besitz eines Drei-Liter-Autos noch nichts über dessen realen Verbrauch aus, da dieser von dessen Gebrauch abhinge.9

Bleibt das Versprechen relativer und absoluter Entkopplung laut Paech entsprechend uneingelöst, so setze eine Reduktion des Verbrauchs ökologischer Ressourcen eine veränderte Produktions- und Konsumweise voraus, welche auf Subsistenz und Suffizienz beruhe. Paech spricht sich für eine „Ökonomie der Nähe“ aus, um globale Wertschöpfungsketten zu verkürzen und den Kapitalbedarf zu verringern. In ihrer maximalen Ausprägung führe diese moderne Subsistenz zu Eigenproduktion durch die Wiedererlangung handwerklicher Fähigkeiten. Die dafür benötigten zeitlichen Ressourcen sollen unter anderem durch eine suffiziente Lebensweise gewonnen werden. Dabei sollen Subsistenz und Suffizienz auch die Resilienz moderner Lebensstile erhöhen, indem sie die Marktunabhängigkeit steigerten. Es sollen jedoch nicht nur Lebensstile, sondern auch Unternehmen zu einer subsistenten und suffizienten Produktionsweise umgebaut werden.10

1Paech (2012), S. 10 f.

2Vgl. zu diesem Absatz Paech (2012), S. 15 ff.

3Paech (2012), S. 40.

4Vgl. zu diesem Absatz Paech (2012), S. 56 f.

5Kohr/Schumacher nach Paech (2012), S. 57.

6Vgl. zu diesem Absatz Paech (2012), S. 57 ff.

7Vgl. zu diesem Absatz Paech (2012), S. 75 und S. 81 ff.

8Schöpferische Zerstörung ist ein Begriff, der von Schumpeter stark geprägt wurde. Er beschreibt wie im Kapitalismus durch Wettbewerb neue innovative Wirtschaftsweisen geschaffen werden, dabei aber zugleich alte Wirtschaftsweisen zurückbleiben (vgl. Schumpeter (1975), S. 134 ff.).

9Vgl. zu diesem Absatz Paech (2012), S. 93 ff.

10Vgl. zu diesem Absatz Paech (2012), S. 113 ff.

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