Miegel: Wohlstand ohne Wachstum

Kommentare, Konzepte und Leitbilder

Meinhard Miegel setzt sich in seinem Buch „Exit – Wohlstand ohne Wachstum“ mit der Rolle des Wachstums im politisch-gesellschaftlichen Diskurs auseinander. Jedoch sei nicht mangelndes Wachstum das Problem, sondern das Leben der Gesellschaft über ihre Verhältnisse. Verschuldungspolitik auf allen gesellschaftlichen Ebenen sowie maßlose Lohnforderungen der Gewerkschaften seien neben spekulativen Finanzmarktakteuren mitverantwortlich für die globale Wirtschafts- und Finanzkrise. Laut Miegel sei diese Krise überfällig gewesen, um die Weltwirtschaft wieder ins Gleichgewicht zu bringen.1

Zufriedenheit und Zunahme materiellen Wohlstands seien bereits seit etwa 1970 voneinander entkoppelt. Zwar sichere Wachstum teilweise Beschäftigung, doch diese produziere zunehmend keinen zusätzlichen Wohlstand mehr. Am Beispiel des Steinkohlebergbaus führt Miegel an, dass Beschäftigung sogar wohlstandsmindernd wirken könne. Vieles, was produziert würde, würde nicht mehr nachgefragt. Dabei seien sowohl Politiken der Deregulierung als auch der Umverteilung nicht erfolgversprechend. Vielmehr brauche es neue Formen der Einkommensgenerierung, die unabhängig von Wachstum seien. Miegel nennt unter anderem ein Heraufsetzen des Rentenalters. Auch solle Sozialpolitik sich nicht an einer Zunahme materieller Güter orientieren, sondern an deren gleichmäßigerer Verteilung, denn nur so könne relative Armut ausgeglichen werden. Wachstum führe letztlich zu einem steigenden Ressourcenverbrauch, der wiederum für die sozial Benachteiligten steigende Preise bedeute. Auch Lohnsteigerungen hätten preistreibende Wirkungen, so dass die Steigerung materiellen Wohlstands stets nur temporär sei.2

Die gegenwärtige Lebens- und Wirtschaftsweise bedrohe die Existenz der Gesellschaft. Das Wachstum der Wirtschaft und das der Bevölkerung seien in den frühindustrialisierten Ländern entkoppelt. Die westliche Lebensweise tendiere zu geringen Geburtenraten, welche durch Migration zwar ausgeglichen werden könnten, dabei würden Zuwanderer jedoch die spezifischen Modelle westlicher Gesellschaften in Frage stellen. Miegel bedient damit die Angst vor Überfremdung und führt dessen Ursache unter anderem auf die Wachstums- und Konsumorientierung westlicher Gesellschaften zurück.3

Die angestiegene Optionenvielfalt nehme Raum und Zeit für Muße, aber auch für Kinder. Der Mensch sei allein nicht mehr überlebensfähig und die Familie geschwächt, so dass immer mehr Aufgaben an den Staat übertragen würden. Weiterhin argumentiert Miegel, dass die hochproduktive Wirtschaftsweise Geringproduktive überflüssig mache. Hierdurch würde die gesellschaftliche Spaltung vorangetrieben. Miegel betont somit neben den Folgen des Wachstums für Umwelt und Natur insbesondere dessen gesellschaftliche Folgen.4

Dabei betrachtet Miegel das Ende des Wachstumsstaates nicht als politisches Ziel, sondern als eine Tatsache, auf die sich die Gesellschaft einzustellen habe.5 Der Wohlfahrtsstaat müsse sich von seiner Orientierung am materiellen Wohlstand verabschieden und immaterielle Werte in den Vordergrund stellen, nicht weil dies aus ökologischen Gründen unbedingt erforderlich sei, sondern weil es in Zukunft weniger materielle Werte geben werde.6

Angesichts einer umfassenden Monetarisierung der Gesellschaft sei diese Umorientierung jedoch nur schwer zu realisieren. Miegel geht davon aus, dass insbesondere Pflegearbeit in einer alternden Gesellschaft nicht mit zunehmender materieller Entlohnung rechnen könne. Insgesamt müsse demnach bei weniger Wohlstand mehr gearbeitet werden. Über eine konsequente Internalisierung externer Kosten über Ökosteuern solle menschliche Arbeit wieder konkurrenzfähig gegenüber maschineller Arbeit werden, welche überwiegend auf Naturausbeutung beruhe.7

Miegel hält angesichts der anstehenden Transformation der Gesellschaft das Festhalten an tradierten Trennungen von Selbstständigkeit und Nicht-Selbstständigkeit sowie Erwerbsarbeit und Freizeit für überholt. Ohne Wachstum sei der Sozialstaat in seiner jetzigen Form insbesondere bei zunehmender Lebensdauer nicht mehr zu finanzieren, daher sei ein Umbau zu einem steuerfinanzierten, das Existenzminimum sichernden Sozialstaat notwendig. Die entstehende Versorgungslücke müsse zunehmend über soziales Engagement ausgeglichen werden.8

Miegel kritisiert insbesondere die Altersrente und spricht sich für einen Umbau zu einer Erwerbsunfähigkeitsrente aus. Stattdessen solle es während des Erwerbslebens mehr Auszeiten geben, die mindestens einem Sechstel des Jahres entsprächen. Diese könnte dazu genutzt werden neue Lebensstile zu entwickeln. Hierzu sei insbesondere ein neues Bildungsverständnis notwendig, welches weniger erwerbszentriert sei und kulturelle Werte in den Mittelpunkt stelle.9

1Vgl. zu diesem Absatz Miegel (2010), S. 13 ff.

2Vgl. zu diesem Absatz Miegel (2010), S. 30 ff. und S. 54.

3Vgl. zu diesem Absatz Miegel (2010), S. 126 und S. 135 f.

4Vgl. zu diesem Absatz Miegel (2010), S. 138 ff.

5Vgl. Miegel (2010), S. 163.

6Vgl. Miegel (2010), S. 171.

7Vgl. zu diesem Absatz Miegel (2010), S. 181 ff.

8Vgl. zu diesem Absatz Miegel (2010), S. 192 ff.

9Vgl. zu diesem Absatz Miegel (2010), S. 223 ff.

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