WBGU: Gesellschaftsvertrag für eine große Transformation

Kommentare, Konzepte und Leitbilder

Der WBGU entwickelt seine Transformationsstrategie in seinem Gutachten „Gesellschaftsvertrag für eine große Transformation“ auf der Basis von Megatrends. Zum einen werden Megatrends des Erdsystems ermittelt wie der Klimawandel oder der Verlust von Ökosystemdienstleistungen. Zum anderen werden Megatrends der globalen Wirtschaft und Gesellschaft ausgemacht. Diese seien gekennzeichnet durch eine zunehmende Entwicklung und Demokratisierung der Schwellenländer. Das Wachstum der Weltwirtschaft gehe einher mit einer zunehmenden Urbanisierung sowie steigendem Land- und Energieverbrauch.1

Die Orientierung der Schwellenländer an der Produktions- und Konsumweise der frühindustrialisierten Länder zwinge derweil zum Umdenken. Im Sinne eines leap-frogging2 müssten diese ohne Umwege über eine ressourcenintensive Wirtschaftsweise direkt in eine nachhaltige Wirtschaftsweise übergehen. Die frühindustrialisierten Länder sollten hierbei ihren technologischen Vorsprung ausbauen und für die Ermöglichung einer global umweltverträglichen Wirtschaftsweise nutzen.3

Neben diesen Megatrends stellt der WBGU heraus, dass ein globaler postmaterialistischer Wertewandel bereits eingesetzt hat. Dies deutet der WBGU als eine Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Transformation. Zwar existiere eine Diskrepanz zwischen Werten und Handlungen, jedoch zeige sich der Mensch dazu in der Lage auf politischer Ebene Entscheidungen zu unterstützen, die seinen eigenen Handlungen zuwiderlaufen. In diesem Zusammenhang betont der WBGU die Bedeutung von so genannten „Pionieren des Wandels“, welche ihre Handlungen bereits den postmateriellen Werten angepasst haben und somit eine Vorbildfunktion für die Transformation zu einer nachhaltigen Gesellschaft einnehmen. Teil dieses Wertewandels ist der Diskurs um das „gute Leben“. Dieses sei in modernen Gesellschaften an der Ausweitung von Optionen orientiert (vgl. Kapitel 2.1). Angesichts der Grenzen des Wachstums seien auch ökologische Grundrechte, welche der Natur das Recht auf Unversehrtheit zusprechen, nicht als Einschränkung, sondern als Bewahrung der Optionsvielfalt künftiger Generationen zu verstehen.4

Aufbauend auf der Analyse historischer Transformationsprozesse attestiert der WBGU der anstehenden Transformation den Typ „Wissen“, bei welchem das Vorsorgeprinzip zentral sei. Das Wissen um die Megatrends dränge zu einer Transformation. Diese stütze sich auf die Pioniere des Wandels, einen gestaltenden Staat und internationale Kooperation. Im Wesentlichen orientiert sich die Transformationsstrategie des WBGU am Zwei-Grad-Ziel, an den planetaren Leitplanken sowie an sozialen und ökonomischen Entwicklungszielen, welche jedoch nur im Prozess bestimmt werden könnten. Das existierende gesellschaftliche und wirtschaftliche Leitbild müsse im Zuge dieser Transformation überwunden werden.5

Die Transformation sei technisch und wirtschaftlich möglich. Der WBGU spricht sich für den Umbau der Energieversorgung auf erneuerbare Energien aus sowie für eine deutliche Reduktion des Verkehrs und eine klimaverträgliche Landwirtschaft. Zentrales Anliegen des WBGU ist die Eindämmung des anthropogenen Klimawandels.6

Die politischen Mittel dafür wie CO2-Bepreisung, Subventionsabbau für fossile Energieträger und Einspeisevergütungen wie im Erneuerbare Energien Gesetz (EEG)7 dafür lägen bereits vor. Jedoch verhinderten Vetospieler8 und Pfadabhängigkeiten9 deren Umsetzung. Daher hält der WBGU ein verändertes Verständnis von Staatlichkeit im Sinne eines aktivierenden und gestaltenden Staates einhergehend mit neuen demokratischen Verfahren für notwendig.10

Der alte Gesellschaftsvertrag stünde vor neuen Herausforderungen, insbesondere einer zunehmenden globalen Verflechtung zu einer Weltgesellschaft, einem Ausgleich globaler Ungleichheiten, einer Berücksichtigung der natürlichen Grundlagen sowie einer Einbeziehung von Zivilgesellschaft und Wissenschaft. Ein neuer globaler Gesellschaftsvertrag müsse Antworten auf diese Herausforderungen finden.11

Der WBGU nennt schließlich zehn Maßnahmebündel für eine erfolgreiche Transformation:

  1. Den gestaltenden Staat mit erweiterten Partizipationsmöglichkeiten ausbauen
  2. CO2-Bepreisung global voranbringen
  3. Europäisierung der Energiepolitik ausweiten und vertiefen
  4. Ausbau erneuerbarer Energien durch Einspeisevergütung internationale beschleunigen
  5. Nachhaltige Energiedienstleistung in Entwicklungs- und Schwellenländern fördern
  6. Rasante Urbanisierung nachhaltig gestalten
  7. Klimaverträgliche Landnutzung voranbringen
  8. Investitionen in eine klimaverträgliche Zukunft unterstützen und beschleunigen
  9. Internationale Klima- und Energiepolitik stärken
  10. Internationale Kooperationsrevolution anstreben.12

Diese Maßnahmebündel seien als Elemente der großen Transformation in unterschiedlicher Reichweite und Tiefe kombinierbar, so dass es keinen fest vorgegebenen Transformationspfad gäbe, sondern eine Vielzahl an unterschiedlichen Transformationspfaden innerhalb der großen Transformation.13

1Vgl. zu diesem Absatz WBGU (2011), S. 33 ff.

2Leap-frogging bezeichnet das Überspringen einer technologischen Entwicklungsstufe.

3Vgl. zu diesem Absatz WBGU (2011), S. 66.

4Vgl. zu diesem Absatz WBGU (2011), S. 71 ff. und S. 84 f.

5Vgl. zu diesem Absatz WBGU (2011), S. 114 f. und S. 288.

6Vgl. zu diesem Absatz WBGU (2011), S. 182 ff.

7Das EEG garantiert eine Einspeisevergütung für ökologischen Strom und sichert damit den Absatz von ökologisch produzierten Strom.

8Vetospieler sind Akteure, die durch ihren Einfluss Prozesse behindern beziehungsweise verhindern können.

9Pfadabhängigkeiten entstehen durch die Kosten eines Systemwechsel. So basiert die Computertastatur bis heute auf der Schreibmaschinentastatur, obwohl diese ergonomisch ineffizient gestaltet ist, da ein Umstieg zu hohe Kosten in Form des neuen Erlernens der Tastenkombinationen verursachen würde.

10Vgl. zu diesem Absatz WBGU (2011), S. 252.

11Vgl. zu diesem Absatz WBGU (2011), S. 293 f.

12Vgl. WBGU (2011), S. 295 ff.

13Vgl. WBGU (2011), S. 338.

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