Konzepte sozial-ökologischer Transformation

Konzepte und Leitbilder, Thesen

Im Diskurs um eine sozial-ökologische Transformation werden diverse Konzepte diskutiert. Jedes dieser Konzepte soll dazu beitragen die multiple Krise zu lösen. In diesem Kapitel wird eine Auswahl dieser Konzepte dargestellt. Diese Auswahl basiert auf der Durchsicht zahlreicher Aufsätze zur Transformation (vgl. Kapitel 4.2). Dargestellt werden dabei diejenigen Konzepte, die auf Grund ihrer Rezeption eine gewisse Relevanz innerhalb des Transformationsdiskurses haben. Die Literaturdurchsicht konnte jedoch nicht erschöpfend geleistet werden, so dass die Auswahl auf den Beobachtungen eines Ausschnitts des Transformationsdiskurses beruht (siehe Tabelle 2 im Anhang). Keine Berücksichtigung finden Transformationskonzepte, welche auf Marktmechanismen und technologische Innovationen setzen, da sich die sozial-ökologische Transformation gerade dadurch auszeichnet, dass sie über diese beiden Konzepte hinausgeht.

Staatliche Investitionsprogramme

Das Konzept Staatliche Investitionsprogramme wird insbesondere im Diskurs um einen Green New Deal diskutiert.1 Demnach sollen über staatliche Investitionsprogramme ökologisch nachhaltige Investitionen befördert werden. Dies soll sowohl der Umwelt dienen als auch Arbeitsplätze schaffen und somit zu einer Win-Win-Situation führen. Diese Argumentation findet sich auch im eher gewerkschaftlich dominierten Debattenstrang um einen sozial-ökologischen Umbau.2 Über einen Umbau der Industrie soll eine sozial und ökologisch wirtschaftende Ökonomie geschaffen werden. Unter anderem erforderte der Umbau des Energiesystems auf erneuerbare Energien ein solches staatliches Investitionsprogramm in neue Stromnetze.3

BIP-Wachstum

Das Konzept BIP-Wachstum differenziert die Transformationsstrategien entlang der Frage nach der Bedeutung des Wirtschaftswachstums für eine sozial-ökologische Transformation. Dabei sehen einige Positionen im Wirtschaftswachstum eine Notwendigkeit für eine erfolgreiche Transformation.4 Erst zusätzliches Wachstum produziere den Wohlstand, welcher zur Bewältigung der multiplen Krise notwendig sei. Dieses Wachstum müsse bloß qualitativ beziehungsweise nachhaltig sein. Andere Positionen sehen gerade in diesem Wachstum den Ausgangspunkt, den eine Transformation überwinden müsse.5 Eine bewusste Reduktion des BIP-Wachstums solle einer ungewollten Rezession vorbeugen. Nachhaltigkeit sei mit exponentiellem Wachstum nicht zu vereinbaren.6 Ebenso finden sich Positionen, die dem Wirtschaftswachstum neutral gegenüberstehen.7 Ob die Wirtschaft wachse oder nicht hätte demnach keinen Einfluss auf eine sozial-ökologische Transformation. Jedoch bedeutet bereits eine neutrale Einstellung bezüglich des Wirtschaftswachstums eine Abkehr von der Orientierung am BIP.

Lokale Versorgung

Das Konzept Lokale Versorgung erfasst einen Argumentationsstrang der Transformationsdebatte, der davon ausgeht, dass die Globalisierung ein wesentlicher Faktor der gegenwärtigen multiplen Krise sei. Über eine Regionalisierung der Wirtschaftskreisläufe solle dieser Tendenz entgegen gewirkt werden.8 Daneben wird lokale Versorgung auch als Stärkung der Resilienz9 betrachtet. Ein Beispiel für dieses Konzept stellt die Transition Town Bewegung dar. Diese geht zurück auf Hopkins, welcher in lokalen resilienten Kommunen eine Antwort auf Peak Oil10 sieht.11 Ein Beispiel dafür bilden die zahlreichen 100%-Erneuerbare-Energien-Dörfer und kleinere Kommunen, die sich unabhängig von externen Energielieferungen machen und auf diese Weise zugleich ihre regionale Wertschöpfung stärken.

Kultureller Wandel

Dem Konzept Kultureller Wandel nach gilt eine Veränderung grundlegender moralischer Werte als Voraussetzung für eine erfolgreiche Transformation. Die mentalen Infrastrukturen unserer Gesellschaft seien auf Wachstum ausgerichtet.12 Die einzelnen Biographien seien auf Ausbildung und Entwicklung fokussiert. Dabei werde der Erfolg vor allem am materiellen Wohlstand gemessen, aber auch der Sinn dieses eigenen Antriebs werde erst über den Konsum gestiftet.13 Eine sozial-ökologische Transformation müsse nicht bloß die technologischen und ökonomischen, sondern ebenfalls die mentalen Infrastrukturen verändern. Eine Philosophie der Genügsamkeit und des guten Lebens sollten den Konsumismus ablösen.14 Diskutiert werden zum einen die Integration von Nachhaltigkeit ins Bildungssystem und zum anderen Werbeverbote als Mittel zu einer weniger materialistischen Lebensweise.15 Zu unterscheiden ist dieses Konzept von ökonomischen Konzepten, die über Anreize Verhaltensänderungen bewirken wollen.

Redistribution

In der Diskussion um Redistribution wird davon ausgegangen, dass mehr materielle Gleichheit eine notwendige Voraussetzung für den Rückgang des Konsums positionaler Güter sei.16 Materielle Umverteilung solle demnach eine wachstumshemmende Wirkung haben und somit auch ökologisch positive Folgen erwirken. Eine stärkere Umverteilung sei zudem Grundlage für die Akzeptanz einer sozial-ökologischen Transformation. Einher geht dieser Diskursstrang auch mit der Idee eines Bedingungslosen Grundeinkommens.17 Damit soll unter anderem eine Antwort auf die Krise der Sorgearbeit gefunden werden, indem auch reproduktive Tätigkeiten finanziell abgesichert würden.18 Im Konflikt zu dieser Argumentation steht das Argument, dass materieller Wohlstand an Bedeutung verlieren müsse, um die planetaren Grenzen einhalten zu können.19 Zudem verschärfe sich das Umverteilungsproblem in einer nachhaltigen Gesellschaft, da in dieser materielle Zuwächse nicht mehr garantiert seien.20

Arbeitszeitverkürzung

Dem Konzept Arbeitszeitverkürzung zufolge wird eine verringerte Arbeitszeit als Voraussetzung für eine Transformation betrachtet. Dabei bezieht sich Arbeitszeit auf die Erwerbsarbeit. Es gibt zahlreiche Varianten einer Arbeitszeitverkürzung: Senkung des Renteneintrittsalters, Reduktion der Wochenarbeitszeit, Sabbaticals etc. Es lassen sich Ansätze unterscheiden, die eine Reduktion der gesamten Lebensarbeitszeit fordern und solche, denen es in erster Linie um eine bessere Umverteilung der Lebensarbeitszeit geht. Arbeitszeitverkürzung sei ein wesentliches Instrument um Arbeitslosigkeit angesichts rückläufigem Wirtschaftswachstums zu verhindern.21 Zugleich ermögliche Arbeitszeitverkürzung eine andere Verteilung von Arbeit, so dass ein besserer Ausgleich zwischen produktiven und reproduktiven Tätigkeiten möglich werde.22 Hingegen gibt es auch Konzepte, die von einer Arbeitszunahme ausgehen, da eine weniger auf Kapital basierende Wirtschaftsweise verstärkt auf menschliche Arbeit angewiesen sei.23

Suffizienz

Im Konzept Suffizienz werden die Einstellung bezüglich der Bedeutung einer Reduktion des Konsums einbezogen. Konsumkritische Positionen sehen den heutigen Konsum frühindustrialisierter Gesellschaften als wesentliche Ursache für die ökologische Krise. Insbesondere die Bereiche Ernährung, Bauen und Wohnen sowie Mobilität würden 60 bis 70 Prozent der durch Konsum verursachten Umweltbelastung verantworten.24 Durch die Suffizienzstrategie solle eine sofortige Reduktion dieses Verbrauchs erwirkt werden, während Effizienz- und Konsistenzstrategien auf technische Innovationen angewiesen seien, die zwar ebenfalls als notwendig angesehen werden, aber nicht planbar seien. Suffizienz geht hingegen über reinen Konsumverzicht hinaus. In der aktuelleren Rezeption dieses Konzepts wird Suffizienz von der individuellen auf die institutionelle Ebene übertragen. Uta von Winterfeld kritisiert unter anderem den Sozialstaat nach der Agenda 2010, welcher eine Arbeitstotalität erzeuge, die einer suffizienten Lebensweise entgegen stünde. Ein „Recht auf Suffizienz“ erlaube es, sich diesem Verwertungsprozess zu entziehen.25

Gemeinschaftsgüter

Das Konzept Gemeinschaftsgüter umschreibt die Diskussion um Commons, welche sich insbesondere durch deren Nicht-Ausschließbarkeit auszeichnen. Dabei stehen sich Ansätze gegenüber, die eine Nutzung öffentlicher Güter als Gemeinschaftsgüter befürworten und Ansätze, welche die Tragik der Allmende in den Vordergrund rücken und die Gefahr der Übernutzung betonen, wenn keine eindeutige Rechtszuschreibung vorgenommen wird.26 Es stehen sich demnach Ansätze gegenüber, die eine eindeutige Rechtszuschreibung in Form des Privateigentums vornehmen, um Verantwortlichkeiten festzulegen und Ansätze, die keine solche eindeutige Rechtszuschreibung von Eigentum vornehmen und gerade in der gemeinschaftlichen Nutzung ökologische und soziale Vorteile sehen. Dabei bleibt jeweils ein Mix aus den verschiedenen Eigentumsformen bestehen, der jedoch unterschiedlich ausgeprägt ist. Gemeinschaftsgüter bilden häufig die Basis für solidarisches Wirtschaften, welches sich unter anderem durch eine auf Solidarität basierende Beziehung zwischen Produzenten und Konsumenten auszeichne im Gegensatz zu einer Marktbeziehung, bei welcher das Gewinninteresse die Beziehung bestimme.27 Ein an die Diskussion um Gemeinschaftsgüter angelehnter Diskurs stellt die gemeinschaftliche Nutzung in den Vordergrund. Hierbei verbleibt das Gut im Privateigentum wird aber gemeinschaftlich genutzt, zum Beispiel in Form von Car-Sharing.28 Dieser Diskurs unterscheidet sich jedoch darin, dass der gemeinschaftlichen Nutzung eine Marktbeziehung zu Grunde liegt, das gemeinschaftlich genutzte Gut demnach kein Gemeinschaftsgut darstellt.

Internationale Lösungsstrategien

Das Konzept Internationale Lösungsstrategien umfasst die Frage nach der Bedeutung der globalen und multilateralen Ebene für den Erfolg einer sozial-ökologischen Transformation. Anhänger internationaler Lösungsstrategien betonen die globalen Auswirkungen der ökologischen Krise und die globalen Wechselwirkungen zwischen den lokalen und nationalen Lösungsstrategien, weshalb die Transformation auf diesen Ebenen nicht erfolgreich bearbeitet werden könne. Unter anderem wird auf eine Stärkung der Vereinten Nationen und mehr Verbindlichkeit internationaler Klimakonferenzen gesetzt.29 Im Gegensatz zu dieser Position stehen Skeptiker internationaler Lösungen. Diese sehen in den geringen Erfolgen internationaler Lösungsstrategien die Begründung für lokale Transformationsstrategien. Die internationale Ebene verhindere vielmehr Maßnahmen zur Bearbeitung der multiplen Krise.30

Partizipation

Das Konzept Partizipation geht auf den Diskurs um die Notwendigkeit neuer Formen demokratischer Teilhabe ein. Diese Überlegung baut auf der Postdemokratiethese auf (vgl. Kapitel 2.3.3). Demnach sei dem Wandel zum Wettbewerbsstaat durch eine Redemokratisierung entgegen zu wirken. Neben Aspekten der Wirtschaftsdemokratie solle auch in anderen Bereichen die Demokratie gestärkt werden. Claus Leggewie spricht sich unter anderem für neue deliberative Methoden wie einen Zukunftsrat aus.31 Dieser solle die Interessen zukünftiger Generationen vertreten und durch zufällige Stichproben aus der Bevölkerung zusammengesetzt sein. Ein weiterer Demokratiediskurs spricht der Natur eigene Rechte zu, welche über die Verfassung zu garantieren seien.32 Demgegenüber stehen Positionen, die gerade in der Diskontinuität der Regierungsführung angesichts der kurzen Wahlperioden ein wesentliche Problem einer sozial-ökologischen Transformation sehen.33 Zu unterscheiden ist das Konzept Partizipation um das ebenfalls demokratietheoretische Konzept der Transparenz. Während über Partizipation die Beteiligungsrechte in Formen direkter Demokratie und verbindlicher Entscheidungsbeteiligung gestärkt werden sollen, soll über Transparenz Beteiligung indirekt über Informationskampagnen und Offenlegung von Planungsvorhaben erreicht werden. Einfluss wird trotz Transparenz jedoch weiterhin über Formen indirekter Demokratie genommen.

1Vgl. Bündnis90/Die Grünen (2011).

2Vgl. Felder u. a. (2012).

3Vgl. Kemfert (2011).

4Vgl. Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (2012).

5Vgl. Rätz u. a. (2011); Woynowski u. a. (2012).

6Vgl. Jackson (2012).

7Vgl. Seidl/Zahrnt (2010).

8Vgl. Paech (2011).

9Resilienz bezeichnet die Unabhängigkeit von äußeren Einflüssen.

10Peak Oil beschreibt den Zustand, dass jährlich weniger neues Öl entdeckt als verbraucht wird (vgl. Altvater (2005), S. 141 ff.).

11Vgl. Hopkins (2008).

12Vgl. Welzer (2012).

13Vgl. Welzer (2012), S. 85 f.

14Vgl. Muraca/von Egan-Krieger (2011).

15Vgl. Paech (2012), S. 138 f.

16Vgl. Røpke (2012), S. 102.

17Als bedingungsloses Grundeinkommen wird ein Existenz sicherndes und gesellschaftliche Teilhabe ermöglichendes monetäres Einkommen bezeichnet, welches ohne Bedürftigkeitsprüfung und ohne Gegenleistung gewährt wird (Vgl. Blaschke (2012), S. 143).

18Vgl. Biesekcer/Wichterich/von Winterfeld (2012), S. 19.

19Vgl. Miegel (2010), S. 171 ff.

20Vgl. Scherhorn (2011), S. 91 ff.

21Vgl. Reuter (2012).

22Vgl. Haug (2011).

23Vgl. Latouche (2009), S. 78.

24Vgl. Stengel (2012), S. 289.

25Vgl. Winterfeld (2011), S. 64 f.

26Vgl. Hardin (1968).

27Vgl. Voß (2012).

28Vgl. WBGU (2011), S. 146.

29Vgl. Messner (2011).

30Vgl. Wissen (2010) S. 36 ff.

31Vgl. Leggewie (2012).

32Vgl. Fatheuer (2011).

33Vgl. Deutscher Bundestag (2013), S. 481.

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