Literaturüberblick zur sozial-ökologischen Transformation

Berichte, Konzepte und Leitbilder

Die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft hat in einem Sammelband sechs Transformationsstrategien vorgestellt.1 Gemeinsam ist ihnen, dass sie nachhaltiges Wachstum zum Leitbild erklären. In diesen Kontext können auch die Diskussionen innerhalb von Bündnis 90/Die Grünen und der Heinrich Böll Stiftung um eine Grüne Marktwirtschaft2 eingeordnet werden. Ralf Fücks, Vorstandsmitglied der Heinrich Böll Stiftung, entwickelt in seinem Buch „Intelligent Wachsen“ eine Transformationsstrategie des nachhaltigen Wachstums.3 Auf internationaler Ebene wird dieser Diskurs um Green Growth und Green Economy insbesondere von der OECD und dem UNEP geführt.4

Ein weiterer Diskussionsstrang findet unter dem Begriff sozial-ökologischer Umbau statt. Das Institut Solidarische Moderne, ein Crossover aus linken Parteien, sozialen Bewegungen und kritischer Wissenschaft, hat eine Transformationsstrategie entwickelt, welche einen starken Fokus auf die konkreten Übergänge zu einer anderen Gesellschaft legt.5 Ein etwas anderer Zusammenschluss aus Gewerkschaften, Attac und Greenpeace beschreibt ebenfalls ein Projekt des sozial-ökologischen Umbaus.6 Diese Allianz ist insofern interessant, da angesichts der sozial-ökologischen Krise vielfach von einem Interessenwiderspruch zwischen Gewerkschaften und Umweltbewegung ausgegangen wird. In diesem Diskurs nimmt insbesondere die soziale Frage eine zentrale Rolle ein.

Im Umkreis der Rosa-Luxemburg-Stiftung werden kapitalismuskritische Strategien einer sozial-ökologischen Transformation diskutiert.7 Diesen Diskurs eint insbesondere der Fokus auf eine Demokratisierung von Wirtschaft und Gesellschaft. Ein Schwerpunkt liegt zudem auf den Formen des Übergangs, wobei drei Konzepte unterschieden werden: Klimagerechtigkeit, Just Transition und Degrowth.8 Unter anderem wird der sozial-ökologische Umbau als eine solche Form des Übergangs zu einem Grünen Sozialismus9 gesehen.10

Im Degrowth Diskurs sind drei Sammelbände von besonderer Relevanz für die deutschsprachige Diskussion: „Ausgewachsen!“, „Postwachstumsgesellschaft“ und “Wirtschaft ohne Wachstum?!“.11 Den Ansätzen ist gemein, dass sie Wirtschaftswachstum als wesentliches Moment der multiplen Krise ansehen und entsprechend eine Postwachstumsgesellschaft einfordern, die ohne Wirtschaftswachstum auskommt. In diesen Diskurs pflegt sich auch die Debatte um Lebensstile ein.12 Laut dieser Debatte sei ein grundlegender Wandel des modernen Lebensstils hin zu einer suffizienteren Lebensweise notwendig, um zu einer Postwachstumsgesellschaft zu gelangen.

Ausgehend von Serge Latouche wird insbesondere in Südeuropa auch ein Umbau des Wirtschaftssystems diskutiert.13 Im globalen Süden ist zudem die Strategie des Buen Vivir von Bedeutung, welche zunehmend auch in Europa rezipiert wird.14 Diese Strategie basiert auf einem indigenen Verständnis von Natur als Subjekt mit eigenen Rechten und hat in Ecuador und Bolivien Verfassungsrang erhalten.15 Ein weiterer Diskussionsstrang geht von der Transition Town Bewegung aus.16 Diese versucht durch urbane Nachhaltigkeitsstrategien eine resiliente Lebensweise zu ermöglichen.

In einer Studie des finnischen Außenministeriums wird der Versuch einer Synthese dieser wachstumskritischen Transformationsstrategien unternommen, indem der Überflussgesellschaft ökonomische Schrumpfung, der nachhaltigen Gesellschaft eine Postwachstumsökonomie und den Entwicklungsgesellschaften Selbstbestimmung zugesprochen wird.17 Die New Economic Foundation verbindet die ökologische Krise mit der Finanzkrise und stellt sieben Anforderungen an eine große Transformation heraus: Revaluing, Redistribution, Rebalancing, Localisation, Reskilling, Economic Irrigation, Interdependence.18 Im deutschsprachigen Diskurs sorgt vor allem die WBGU Studie „Welt im Wandel. Gesellschaftsvertrag für eine große Transformation“ für Aufmerksamkeit.19 Auch die Neuauflage der Studie des Wuppertal Instituts „Zukunftsfähiges Deutschland“ prägt den deutschsprachigen Diskurs.20

Bereits dieser Ausschnitt der Transformationsdebatte stellt eine Vielzahl an Transformationsstrategien für eine sozial-ökologische Gesellschaft dar. Grob lassen sich vier größere Diskurskontexte21 ausmachen: ein Diskurs um eine nachhaltige Wirtschaftsweise beziehungsweise eine grüne Marktwirtschaft, ein weiterer von Gewerkschaften und NGOs geprägter Diskurs um einen sozial-ökologischen Umbau, ein kapitalismuskritischer Diskurs sowie das breite Spektrum innerhalb des Postwachstumsdiskurses. Im folgenden Kapitel werden die gemeinsamen Subdiskurse, die innerhalb der Transformationsdebatte geführt werden hervorgehoben.

1Vgl. Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (2012).

2Vgl. Andreae (2012).

3Vgl. Fücks (2013).

4Vgl. OECD (2011a); UNEP (2011a).

5Vgl. ISM (2011).

6Vgl. Felder u. a. (2012).

7Vgl. Dellheim/Krause (2008); Brangsch (2012).

8Vgl. Kaufmann/Müller (2009), S. 193 ff.

9Vgl. zur Debatte um den Grünen Sozialismus Rosa-Luxemburg-Stiftung (2012).

10Vgl. Brangsch (2012), S. 240.

11Vgl. Rätz u. a. (2011); Seidl/Zahrnt (2010); Woynowski u. a. (2012).

12Vgl. Miegel (2010); Paech (2012).

13Vgl. Latouche (2009).

14Vgl. Gudynas (2011).

15Vgl. Fatheuer (2011).

16Vgl. Hopkins (2008).

17Vgl. Ulvila/Pasanen (2009).

18Vgl. NEF (2009), S. 5 ff.

19Vgl. WBGU (2011).

20Vgl. Wuppertal Institut (2008).

21Mit Diskurskontext ist in dieser Arbeit das politische und gesellschaftliche Umfeld eines Diskurses gemeint.

5 Gedanken zu “Literaturüberblick zur sozial-ökologischen Transformation

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