Care-Ökonomie und Krise der Reproduktion

Konzepte und Leitbilder, Thesen

Die Reproduktion bildet die Grundlage der Produktion. Sie schafft die Grundlagen der Ökonomie. In neueren Diskursen werden neben der Wiederherstellung der Arbeitskraft insbesondere auch die Reproduktionskosten der Natur berücksichtigt. Die Natur leiste durch die Bereitstellung von Ressourcen und Senken einen erheblichen und notwendigen Beitrag zur Funktionsfähigkeit der Ökonomie, jedoch werde sie laut Biesecker und anderen nur dort im Produktionsprozess berücksichtigt, wo sie warenförmig auftrete.1

Die Reproduktionsleistungen der Arbeit sowie der Natur werde in der kapitalistischen Produktionsweise demnach kaum berücksichtigt, sondern als weitgehend kostenfreie Produktionsvoraussetzungen in Anspruch genommen. Externalisierung werde zum Prinzip. Damit sei nicht bloß eine reine Kosten-Externalisierung gemeint, sondern ein Ausschluss des Reproduktionssektors aus dem Bereich des Ökonomischen. So werde ein Großteil der Care-Ökonomie2, also ein weiblich dominierter Bereich, zwar als Grundvoraussetzung einer funktionierenden Gesellschaft erwartet, gelte jedoch selbst nicht als wertschöpfend und damit ökonomisch relevant.3

Diese selbstverständliche gesellschaftliche Leistung habe im Zuge des Zweiverdienerhaushalts durch die Integration der Frauen in die Erwerbsarbeit zu einer Doppelbelastung insbesondere der Frau geführt, da diese nun sowohl produktive als auch reproduktive Arbeit zu leisten habe. Arbeitszeit dominiere daher zunehmend die Zeit, die mit der Familie verbracht werden könne.4

Ausgeglichen werde diese Doppelbelastung zunehmend durch transnationale Sorgeketten. Sprichwörtlich wurde in diesem Zusammenhang die „24-Stunden-Polin“, welche zu geringer Entlohnung ihre Heimat verlässt, um in Deutschland die Pflege naher Verwandter von Doppelverdienerhaushalten zu übernehmen. In Polen werde die entstehende Versorgungslücke wiederum durch günstigere Arbeitskräfte aus der Ukraine ausgeglichen, welche wiederum ihre Pflegetätigkeiten an Nachbarn und Verwandte übertrügen, deren Belastung dadurch stiege. Einher gingen diese transnationalen Sorgeketten mit einer allgemeinen Veränderung der Arbeitswelt. Das männliche Alleinverdienermodell werde abgesehen von einzelnen Sektoren ersetzt durch ein prekäres Zuverdienermodell.5

Im Unterschied zu primärer Ausbeutung über Marktzwänge im Produktionssektor, handele es sich bei der Reproduktion laut Dörre um eine sekundäre Form der Ausbeutung, welche auf gesellschaftlich mächtigen Werten beruhe. Diese schätzten die weibliche Reproduktionsarbeit gering und beförderten daher deren Ausbeutung, auch dann wenn am Markt eine Knappheit an Reproduktionsarbeit bestünde.6

1Vgl. zu diesem Absatz Biesecker/Wichterich/von Winterfeld (2012), S. 3 f.

2Unter Care-Ökonomie werden sorgende Tätigkeiten wie Pflege und Erziehung erfasst (vgl. Biesecker/Wichterich/von Winterfeld (2012), S. 4).

3Vgl. zu diesem Absatz Biesecker/Wichterich/von Winterfeld (2012), S. 4.

4Vgl. zu diesem Absatz König/Jäger (2011), S. 150 f.

5Vgl. zu diesem Absatz Wichterich (2011), S. 132 ff.

6Vgl. zu diesem Absatz Dörre (2012), S. 108 ff.

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3 Gedanken zu “Care-Ökonomie und Krise der Reproduktion

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