Finanzkapitalistische Landnahme

Konzepte und Leitbilder, Thesen

Durch den Einbruch der institutionalisierten Arbeitermacht im Zuge der Wirtschaftskrise von 1973-1975 würden laut Dörre auf dem Weltmarkt agierende Unternehmen zum bedeutenden gesellschaftlichen Machtfaktor. Angesichts rückgängiger Wachstumsraten im Produktionssektor würden Profite zunehmend an den Finanzmärkten erzielt. Das Ende der Vollbeschäftigung schwäche die Gewerkschaften, so dass diese sich auf die Vertretung ihrer Kernbelegschaft zurückzögen. Marktbegrenzende Institutionen würden im Finanzmarktkapitalismus als das nicht-kapitalistische Äußere begriffen, welches nun erneut landgenommen beziehungsweise rekommodifiziert werden könne. So hätte zum Beispiel die Kapitalisierung der Rentenversicherung dem Finanzkapital neue Profit- und Anlagemöglichkeiten erschlossen, wodurch die Überakkumulationskrise der 1970er Jahre schließlich hätte überwunden werden können.1

Die finanzkapitalistische Landnahme sei jedoch ebenso wenig eine direkte Folge ökonomischer Zwänge wie es die Landpreisgabe des fordistischen Wohlfahrtstaats war. Vielmehr sei sie Resultat veränderter Kräfteverhältnisse. Staat und Politik würden diese finanzkapitalistische Landnahme aktiv vorantreiben.2 Harvey bezeichnet die finanzkapitalistische Landnahme auch als eine Akkumulation durch Enteignung. Öffentliche Güter wie Bildung und Gesundheit würden ebenso privatisiert wie staatliche Unternehmen und Infrastrukturen. Die zuvor allgemein zugänglichen Leistungen des fordistischen Wohlfahrtsstaats würden der Gemeinschaft entzogen, um dem Kapital neue Profitmöglichkeiten zu verschaffen.3

„What accumulation by dispossession does is to release a set of assets (including labour power) at very low (and in some instances zero) cost.“4

Doch auch der Finanzmarktkapitalismus schaffe sich sein nicht-kapitalistisches Außen. Anders als im Fordismus jedoch nicht in Form von Dekommodifizierungspolitiken, sondern durch Formen der Entkommodifizierung. Insbesondere in regionalen Finanzkrisen würde die Kapitalzirkulation unterbrochen. Insolvente Unternehmen bildeten dann das nicht-kapitalistische Außen, welches zugleich Basis einer erneuten finanzkapitalistischen Landnahme werden könne.5

Krisen bildeten damit laut Dörre ein wesentliches Moment der finanzkapitalistischen Landnahme. Sie schafften neue Räume der Landnahme und sorgten auf diese Weise für eine Vermögenskonzentration. Das politische Moment dieses Prozesses betonend weist Dörre darauf hin, dass Abweichungen von Regeln ein wesentlicher Bestandteil der finanzkapitalistischen Landnahme seien. Große Finanzakteure seien in der Lage Einfluss auf den Markt und die Politik zu nehmen. Als Beispiel führt Dörre die Rettung „systemrelevanter“ Banken an, welche einer Enteignung von Sozialeigentum gleich käme. Auf diese Weise weite sich die Finanzkrise zu einer allgemeinen Gesellschaftskrise aus. In dieser würde die Wettbewerbslogik des Finanzmarktes an die Beschäftigten weitergegeben und der Staat verlöre zunehmend an Einfluss in diesen Prozess regulierend einzugreifen.6

1Vgl. zu diesem Absatz Dörre (2009), S. 54 ff.

2Vgl. Dörre (2009), S. 67.

3Vgl. Harvey (2005), S. 146 ff.

4Harvey (2005), S. 149.

5Vgl. zu diese Absatz Harvey (2005), S. 151.

6Vgl. zu diesem Absatz Dörre (2009), S. 69 ff.

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3 Gedanken zu “Finanzkapitalistische Landnahme

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