Landnahme des Sozialen

Konzepte und Leitbilder, Thesen

Die Theorie der Landnahme geht auf Rosa Luxemburg zurück. Luxemburg beschreibt den Imperialismus Anfang des 20. Jahrhunderts als Folge kapitalistischer Reproduktionslogik.1 Sie kritisiert, dass Produktionserweiterung im Marxschen Sinne zum reinen Selbstzweck werde. Die Notwendigkeit, dass der Produktion eine entsprechende Nachfrage nach Gütern gegenübersteht, werde bei Marx vernachlässigt.2 Die Produzentenklasse trete zum Teil auch als Konsumenten ihrer Vorprodukte auf, jedoch fehle in dieser Zirkulation laut Luxemburg der Endverbraucher, welcher zusätzliche Nachfrage erzeuge.

Dieser finde sich ihrer Analyse nach im nicht-kapitalistischen Außen. Anders als in Marx‘ Axiom der reinen Herrschaft kapitalistischer Produktionsweise3 sei die reale Welt laut Luxemburg in ein kapitalistisches Inneres und ein nicht-kapitalistisches Äußeres geteilt. In diesem Äußeren habe sich die Profitlogik noch nicht vollständig durchgesetzt. Es könne sich sowohl um nicht-kapitalistische Gesellschaftsschichten handeln als auch um nicht-kapitalistische Gesellschaften. Ein Beispiel für erstere wäre die häusliche Reproduktionsarbeit, welche in der Regel von Frauen geleistet wird. Diese bildet eine Grundvoraussetzung für kapitalistische Produktion, unterliegt selbst aber nicht der Profitlogik. Als Beispiel für nicht-kapitalistische Gesellschaften können Subsistenzwirtschaften gelten. Diese produzieren nicht über ihren eigenen Konsum hinaus, so dass auch kein zu veräußernder Mehrwert4 entsteht.5

Das nicht-kapitalistische Außen trage laut Luxemburg jedoch nicht nur zur Realisierung des Mehrwerts bei, sondern sei auch Quelle von Produktions- und Konsumtionsmitteln.6 So bildet die Industrielle Reservearmee7 ein Reservoir an Arbeitskräften, welches sich außerhalb des kapitalistischen Produktionsprozesses befindet und zugleich notwendig für dessen Produktionsfähigkeit ist. Durch den Austausch des inneren kapitalistischen Marktes mit dem nicht-kapitalistischen Äußeren würde dieses jedoch „landgenommen“, also selbst der Profitlogik der kapitalistischen Produktionsweise unterstellt.8 Durch die Integration der industriellen Reservearmee in den Arbeitsmarkt wird diese kommodifiziert. Ihre Arbeit erhält einen Preis, welcher am Markt gehandelt wird. Sie stellt am Endes dieses Prozesses also kein nicht-kapitalistisches Äußeres mehr dar.

Den Prozess dieser Landnahme beschreibt Hannah Arendt als Wiederholung der ursprünglichen Akkumulation.9 Marx fasst unter der ursprünglichen Akkumulation jene politischen Prozesse, die zur Durchsetzung der kapitalistischen Produktionsweise notwendig waren.10 Landnahme sei demnach nicht als eigenständig vorgehender Prozess im Sinne naturwissenschaftlich verstandener Marktgesetze zu verstehen, sondern vielmehr Folge politischer Interventionen. Die politische Sphäre setze die Landnahme auch unter Zwang durch, um die Kapitalakkumulation zu befördern.11

Polanyi beschreibt diesen Prozess der Landnahme in seiner „Großen Transformation“.12 In seiner historischen Betrachtung des Marktsystems analysiert Polanyi die Transformation der vorkapitalistischen Gesellschaft zu einer kapitalistischen Marktgesellschaft. Diese Transformation sei eine Folge der Maschinisierung der Produktion. Maschinelle Produktion zeichne sich insbesondere durch eine zunehmende Spezialisierung aus, welche um rentabel zu wirtschaften große Warenmengen produzieren und absetzen müsse. Anders als handwerkliche Tätigkeiten seien Maschinen darauf ausgelegt ununterbrochen zu produzieren, um rentabel zu wirtschaften. Entsprechend müsse eine reibungslose Zufuhr der Produktionsfaktoren Arbeit und Ressourcen garantiert werden. Dies geschehe laut Polanyi durch die Etablierung des Marktmechanismus. Dieser etabliere das Gewinnmotiv und verdränge die Orientierung am Lebensnotwendigen. Erst darüber würden Natur und Mensch zur Ware, sie werden kommodifiziert. Polanyi argumentiert, dass diese Bedeutungsverschiebung zwangsläufig Mensch und Natur bedrohe.13

Diese Entwicklung führe zu einer Umkehr des Verhältnisses von Wirtschaft und Gesellschaft. War die Wirtschaft zuvor in die Gesellschaft eingebettet, so seien nun die sozialen Beziehungen über das Marktsystem organisiert.14

„Eine Marktwirtschaft ist ein ökonomisches System, das ausschließlich von Märkten kontrolliert, geregelt und gesteuert wird; die Ordnung der Warenproduktion und -distribution wird diesem selbstregulierenden Mechanismus überlassen.“15

Die Marktwirtschaft setze eine institutionelle Trennung der wirtschaftlichen und der politischen Sphäre voraus.16 Das gesellschaftliche Verhältnis in der Marktwirtschaft würde somit zum Warenverhältnis.

„Waren werden hier empirisch als Objekte definiert, die für den Verkauf auf dem Markt erzeugt werden; Märkte wiederum werden empirisch als die tatsächlichen Kontakte zwischen Käufern und Verkäufern definiert.“17

Eine Besonderheit in der Marktwirtschaft bilden laut Polanyi die drei fiktiven Waren: Arbeit, Boden und Geld. Sie würden zwar ebenfalls über den Markt gehandelt, seien aber der obigen Definition von Waren folgend keine eigentlichen Waren. Arbeit sei letztlich ein Teil menschlichen Lebens. Boden sei nach Polanyi gleichzusetzen mit Natur. Geld bilde ein Symbol für Kaufkraft. Anders als in der obigen Definition ist demnach keine dieser fiktiven Waren für den Markt produziert worden. Diese Warenfiktion bilde das neue Organisationsprinzip der industrialisierten Gesellschaft und sei laut Polanyi Folge der Einführung des Fabriksystems.18

Die Integration dieser fiktiven Waren in das Marktsystem stelle keine Selbstverständlichkeit dar, sondern sei Ergebnis eines Prozesses, der sich auch als Landnahme bezeichnen ließe. Polanyi sieht die Geschichte der modernen Gesellschaft durch eine Doppelbewegung bestimmt. Eine Bewegung, dem Prinzip des Wirtschaftsliberalismus folgend, integriere die fiktiven Waren in das Marktsystem, während dem eine Gegenbewegung entgegen stehe, welche dem Prinzip des Schutzes der Gesellschaft folge und die fiktiven Waren dem Markt wieder entzöge.19

Dem Prozess der von Luxemburg beschriebenen Landnahme steht demnach im Sinne dieser Doppelbewegung eine Gegenbewegung der Landpreisgabe gegenüber. Eben dieser Innen-Außen-Dialektik folgt David Harvey in seiner Erklärung des Neoliberalismus.20 Während die Landnahme nach Luxemburg zwangsläufig an ihre eigenen Grenzen stoßen müsse, schaffe die Doppelbewegung ein neues nicht-kapitalistisches Außen, welches dann später landgenommen werden könne. Diese Doppelbewegung bestehe nicht nur in einer Bewegung der Dekommodifizierung21, welche zur Etablierung des fordistischen Wohlfahrtsstaats (vgl. Kapitel 2.2.1) beigetragen habe, sondern könne ebenfalls in einer Bewegung der Entkommodifizierung22 ihre Ursache haben, wie sie für die finanzkapitalistische Landnahme vorherrschend sei (vgl. Kapitel 2.2.2). In diesen Prozess transformiere der Kapitalismus laut Dörre sein spezifisches Akkumulationsregime23 und stabilisiere sich dadurch selbst.24

1Vgl. Luxemburg GW 5, S. 5 ff.

2Vgl. Luxemburg GW 5, S. 102.

3Unter einer kapitalistischen Produktionsweise wird in dieser Arbeit eine Produktionsweise verstanden, deren Ziel Profit ist.

4Als Mehrwert bezeichnet Marx den durch Lohnarbeit hinzugefügten Wert einer Ware, der über die Reproduktionskosten des Arbeiters und die Kosten der Produktionsmittel hinaus geht (vgl. Marx MEW 23, S. 223).

5Vgl. zu diesem Absatz Luxemburg GW 5, S. 300 ff.

6Vgl. Luxemburg GW 5, S. 305.

7Die industrielle Reservearmee bezeichnet den Teil der Arbeiterschaft, der zwar zum Verkauf seiner Arbeitskraft gezwungen ist, aber keinen Käufer findet (vgl. Marx MEW 23, S. 657 ff.).

8Vgl. Luxemburg GW 5, S. 411.

9Vgl. Arendt (2009), S. 335 ff.

10Vgl. Marx MEW 23, S. 741 ff.

11Vgl. Arendt (2009), S. 338 ff.

12Vgl. Polanyi (1978).

13Vgl. zu diesem Absatz Polanyi (1978), S. 68 ff.

14Vgl. Polanyi (1978), S. 88 f.

15Polanyi (1978), S. 102.

16Vgl. Polanyi (1978), S. 106.

17Polanyi (1978), S. 107.

18Vgl. zu diesem Absatz Polanyi (1978), S. 107 ff.

19Vgl. zu diesem Absatz Polanyi (1978), S. 182 ff.

20Vgl. Harvey (2007), S. 74 ff.

21Unter Dekommodifizierung lässt sich der Prozess verstehen, nach welchem eine Ware sich freiwillig dem Markt entzieht und dadurch ihren Warencharakter verliert (vgl. Esping-Andersen (1991), S. 23).

22Unter Entkommodifizierung lässt sich der Prozess verstehen, nach welchem eine Ware unfreiwillig dem Markt entzogen wird und dadurch ihren Warencharakter verliert (vgl. Dörre (2009), S. 69).

23Ein Akkumulationsregime bezeichnet eine spezifische Form kapitalistischer Akkumulation (vgl. Aglietta (2000), S. 12 ff.).

24Vgl. Dörre (2009), S. 41 ff.

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