Ideen der Gerechtigkeit: der Fähigkeitenansatz

Konzepte und Leitbilder, Thesen

Der Wohlstandsbegriff ist im alltäglichen Verständnis eng an Wirtschaftswachstum gekoppelt.1 Wirtschaftswachstum ermöglicht es Wohlstand zu steigern und Verteilungsgerechtigkeit herzustellen, während zugleich das Pareto-Kriterium, nach welchem niemand besser gestellt werden darf, wenn dadurch jemand anderes schlechter gestellt wird, eingehalten werden kann. Indem nur der Zuwachs umverteilt wird, bleibt eine pareto-inferiore Umverteilung aus. Die Orientierung am Wirtschaftswachstum zeigt zudem die Bedeutung auf, welche materiellem Güterzuwachs im Wohlstandsdiskurs zugemessen wird.

Dem liege laut Barbara Muraca und Tanja von Egan-Krieger ein utilitaristisches Wohlstandsverständnis zugrunde, wie es in der Wohlfahrtsökonomik vorherrschend sei.2 Demnach sei es Ziel von Wirtschafts- und Wohlfahrtspolitik den Nutzen der Individuen zu erhöhen.3 Dieser Nutzen erhöhe sich durch zunehmende materielle Güter und mehr Einkommen. Dabei zeigten laut Amartya Sen neuere Studien, dass materieller Zuwachs und zunehmendes Glück nur eingeschränkt miteinander korrelierten.4 Layard spreche von einem Paradoxon, nach welchem der Mensch nach immer mehr Einkommen strebe, aber nicht glücklicher wurde, obwohl die frühindustrialisierten Gesellschaften immer reicher wurden.5

Die einseitige Orientierung am Nutzen- beziehungsweise Glückszuwachs, ob nun des Kollektivs oder des Individuums, lässt starke Ungleichheiten in der Gesellschaft zu. So wird Glück in der Regel relativ zu den erreichbaren Möglichkeiten empfunden, so dass arme Menschen häufig Glück empfänden, ohne dass es ihnen objektiv gut erginge.6 John Rawls stellt dem in seiner Theorie der Gerechtigkeit seinen zweiten Grundsatz entgegen. Das Differenzprinzip (a) soll Ungleichheiten nur dann zulassen, wenn die Schwächsten der Gesellschaft davon profitierten.7

„Soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten sind so zu gestalten, dass (a) vernünftigerweise zu erwarten ist, dass sie zu jedermanns Vorteil dienen, und (b) sie mit Positionen und Ämter verbunden sind, die jedem offen stehen.“8

Sen führt jedoch an, dass man zwischen einem „Erwerbs-Handikap“ und einem „Umwandlungs-Handikap“ unterscheiden müsse. Als Erwerbs-Handikap bezeichnet Sen das unterschiedliche Vermögen Einkommen zu erzielen. Dieses Vermögen könne durch Rawls Gerechtigkeitsprinzip ausgeglichen werden, indem Grundgüter beziehungsweise die Ressourcenausstattung gleich verteilt würden. Hingegen würde hierbei nicht das Umwandlungs-Handikap berücksichtigt. Hierunter versteht Sen die Möglichkeit Einkommen in Fähigkeiten umzuwandeln. So führt Sen das Beispiel eines Menschen mit Behinderung an, der auch mit gleichem Einkommen noch immer weniger Möglichkeiten habe, da für ihn viele Tätigkeiten teurer seien als für einen Menschen ohne Behinderung, der ebenfalls einem Erwerbs-Handikap unterliege.9

Sen stellt diesem Missstand den Fähigkeitenansatz gegenüber. Es ginge nicht um die tatsächliche Gleichheit von Personen, sondern um deren gleiche Befähigung. Dabei sei es unerheblich, ob diese Befähigung letztlich auch in Anspruch genommen würde. Diese Befähigung sei derweil nicht bloß von persönlichen Bedingungen abhängig, sondern ebenso von sozialen Bedingungen oder auch den Umweltbedingungen. Umweltzerstörung sei in diesem Zusammenhang dann von Bedeutung, wenn dadurch Befähigungen oder auch Chancen von Menschen eingeschränkt würden. Dabei müssten auch die Möglichkeiten künftiger Generationen erhalten bleiben.10

„In diesem [Fähigkeiten-; GJ] Ansatz wird der individuelle Vorteil gemessen an der Befähigung einer Person, die Dinge zu tun, die sie mit gutem Grund hochschätzt.“11

Der Fokus auf Wettbewerbsfähigkeit stelle ökonomische Befähigungen in den Mittelpunkt und vernachlässige dabei Fragen des guten Lebens.12 Wachstum und die Zunahme materieller Güter seien nur in dem Maße wohlfahrtsfördernd, in dem sie die Fähigkeiten von Personen erhöhten.13 Im Zuge der Beschleunigung14 der Gesellschaft fehle jedoch häufig die Zeit die Befähigungspotentiale neuer materieller Güter zu nutzen.15 Der Fähigkeitenansatz bietet somit eine Perspektive auf Gerechtigkeit, welche materielle Gleichheit als Mittel zur Erhöhung der Fähigkeiten ansieht, aber diese selbst nicht zum Ziel setzt.16

1Vgl. Muraca/von Egan-Krieger (2011), S. 43.

2Vgl. Muraca/von Egan-Krieger (2011), S. 43.

3Vgl. Muraca/von Egan-Krieger (2011), S. 46.

4Vgl. Sen (2010), S. 300.

5Vgl. Layard nach Sen (2010), S. 301.

6Vgl. Sen (2010), S. 272 f.

7Vgl. Sen (2010), S. 88.

8Rawls (1979), S. 81.

9Vgl. zu diesem Absatz Sen (2010), S. 286 ff.

10Vgl. zu diesem Absatz Sen (2010), S. 258 ff.

11Sen (2010), S. 259.

12Vgl. Rosa (2009), S. 116.

13Vgl. Muraca/von Egan-Krieger (2011), S. 49.

14Vgl. Rosa (2005).

15Vgl. Rosa (2009), S. 114.

16Vgl. Sen (2010), S. 261 f.

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4 Gedanken zu “Ideen der Gerechtigkeit: der Fähigkeitenansatz

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