Klima-Demo

Berichte

Es ist fünf vor Zwölf als ich am Samstag, den 08.12., das Haus Richtung Köln Hauptbahnhof verlasse. Um Viertel nach Zwölf treffe ich dort auf eine Gruppe junger Erwachsener zwischen 18 und 28, die ihren Samstag damit verbringt sich für die Rettung dieser Welt einzusetzen.
Es geht zur Klima-Demo nach Neurath, ein Stadtteil von Grevenbroich – etwa 25km von Köln entfernt. Dort wird gerade das größte Braunkohlekraftwerk Europas gebaut mit einer Leistung von 15 Megawatt. Im September hatten sich von den gängigen Umweltverbänden wie BUND, NABU, Greenpeace etc. über die kirchlichen Verbände wie den BDKJ oder den eed bis zu den Entwicklungsorganisationen wie attac, weed, das Eine Welt Netzwerk etc. etliche Nicht-Regierungsorganisationen NRWs zur Klimaallianz zusammengeschlossen und gemeinsam zu dieser Demonstration mobilisiert.

Der Trupp, der sich am Kölner Hauptbahnhof zusammengefunden hat, kennt sich über die Grüne Jugend, die Jugendorganisation der Grünen. Noch wird darüber spekuliert, ob uns nun eine einstündige Fahrt im Stehen bevor steht. Immerhin wird man heute Teil der größten Mobilisierung der Umweltbewegung seit Jahren sein. Überall werden potentielle Mitdemonstranten ausgemacht. „Da vorne die beiden mit den Cordhosen, langen Haaren und Wanderrucksäcken fahren doch sicherlich auch mit uns zur Demo.“ Doch als der Zug nach Neurath schließlich einfährt, regt sich erstaunlich wenig am Bahnhof und die Befürchtung stehend die Fahrt zu verbringen wird zum Wunschtraum. Die zwei Wagons des Zuges sind nicht voller als an jedem beliebigen Samstag und so wird in Neurath ein verlorenes Dutzend Demonstranten von der Polizei empfangen. Diese erklärt den Demonstranten dann auch freundlich den Weg zum Braunkohlekraftwerk – hätte man gefragt, wäre man sicherlich auch in ihren Mannschaftswagen mitgenommen worden. Aber man zog es vor zu laufen. Schließlich wolle man diese Klima-Demo mit einer positiven Öko-Bilanz verlassen.
Eigentlich sei die Grüne Jugend in Köln ja größer, aber der Vorstand sei gerade auf Klausurtagung, einige müssten arbeiten oder sich auf Klausuren vorbereiten. – Ganz schön fleißig diese Grüne Jugend – Gut sicherlich lägen auch einige verkatert im Bett. Doch verlassen fühlt man sich nicht. Auch wenn der Ort den Charme einer Geisterstadt hat. Um uns herum stehen die immer selben Backsteinhäuser mit ihren ummauerten Vorgärten und am Horizont erblickt man in allen Himmelsrichtungen rauchende Schlote – Grevenbroich, die Energiehauptstadt der Bundesrepublik.
Nach einer halben Stunde begegnet uns ein älterer Herr mit Dackel. Doch geht er anteilnahmslos an uns vorbei. „Die Grevenbroicher sollen gefälligst mit uns zum Kraftwerk ziehen, wenn wir schon extra den weiten Weg auf uns nehmen um sie vor dem Kraftwerkausbau zu bewahren.“ kommentiert Sven Lehmann, Mitglied des Landesvorstands der Grünen, den Herr mit Dackel.
Kurze Zeit später treffen wir dann doch endlich auf weitere Demonstranten und aus unserem Dutzend werden zwei und bald drei und vier. Zeit die Banner raus zu holen. „Rettet unser Klima“ steht auf dem ehemaligen Bettlaken und die anderen antworten mit „Stoppt den Tagbau“ und „Freunde der Erde“. Hinter der nächsten Biegung können wir dann endgültig aufatmen: Aus zig Bussen steigt ein nicht enden wollender Strom an Demonstranten aus. Die komplette Straße, die sich, zur linken das Braunkohlekraftwerk und zur rechten Felder und Wälder, durch die Landschaft schlängelt, ist voller Menschen. Ein Meer aus grünen Fahnen von BUND, NABU und immer wieder der GRÜNEN macht sich vor uns breit. Doch nicht allein!
Die Gruppe verteilt sich allmählich in dem Gemenge aus gut 3000 Demonstranten, die sich hier mitten im nichts eingefunden haben. Man kennt sich aus Heiligendamm, von Demonstrationen, politischen Tagungen, gemeinsamen Projekten etc. Selbst der traditionelle Stand der MLPD bei solchen Veranstaltungen fehlt nicht. Er hält tapfer die rote Fahne hoch und beschwört die sozialistische Weltgesellschaft.
Man tauscht mit etlichen Leuten Flyer aus, liest sie aus Höflichkeit quer durch und nickt sich freundlich zu. Die ganze Atmosphäre ist so heimisch und kuschelig, dass die Angestellten von RWE zunächst gar nicht auffallen und auch ihre Flyer mit einem freundlichen Nicken entgegen genommen werden. „Jedes neue Kraftwerk ist ein Beitrag zum Klimaschutz“ hei゚t es darin. Erschrocken gibt man den Flyer zurück. Die Idylle, die auf der Demo vorherrscht, ist etwas gestört, aber nicht mehr als die Idylle von Lönnberga durch den frechen Michel. Erst die Worte von Günther Salentin, Pfarrer der Gemeinde, anlässlich des tödlichen Unfalls vierer Bauarbeiter beim Bau des Braunkohlekraftwerks trüben die Stimmung merklich. Auch die allmähliche Erkenntnis angesichts des sich direkt vor uns auftürmenden Betonkolosses, dass dieser Kraftwerkausbau wohl kaum noch zu verhindern ist, entmutigt.
Doch die Älteren unter den Demonstranten wissen, dass man für Umweltschutz einen langen Atem braucht. Seit den 70ern wehren sich die beiden BUND-Mitglieder aus der Region Aachen gegen den Braunkohletagebau, welchem eine ganze Landschaft, einzelne Ortschaften und neuerdings eine Autobahn zum Opfer gefallen ist. „Ja die RWE kann sich einfach alles erlauben.“ tönt eine 17Jährige in der Schlange zur Volksküche, wo die Demonstranten heißer Tee und Suppe erwartet. Als es schließlich dunkel wird erlaubt sich die RWE mit einem Lichtfluter die Greenpeace-Projektion „Klimakiller CO2“ zu überspielen, woraus sich eine kindliche Verfolgungsjagd zwischen den Scheinwerfern entwickelt, welche die Demonstranten wie ein Sportereignis bejubeln oder verfluchen, je nachdem wessen Fluter gerade zu sehen ist.
Dann trottet die Masse urplötzlich zeitgleich wieder zu ihren Bussen und Zügen. Das grße Suchen nach seinen Mitstreitern beginnt. Auch meine Gruppe hat sich verlaufen. Einige sind hinzu gestoßen, andere haben sich anderen Gruppen angeschlossen.
Man kennt sich halt.

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3 Gedanken zu “Klima-Demo

  1. Hi Gerrit, so kenn ich dich.
    Du schaffst es immer wieder, ein heikles Thema so zu beschreiben, dass es auch was zum Schunzeln gibt.
    Dein stiller Fan im Hintergrund,
    Detlef

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