Studienkollegs in Gefahr!

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Am Dienstag hat die Rüttgers-Regierung das Aus für NRWs Studienkollegs beschlossen (WDR). In NRW gibt es derzeit noch sieben staatliche Studienkollegs an den Universtitäten Aachen, Bonn, Köln und Münster sowie an den Fachhochschulen in Dortmund, Köln und Krefeld. Dort werden ausländische Schulabgänger, deren Schulabschluss nicht dem Niveau des deutschen Abiturs entspricht, auf das Studium in Deutschland vorbereitet. Dies betrifft vor allem Entwicklungs- und Schwellenländer, aber auch Schulabgänger aus den USA.

Die Institution Studienkolleg ist weltweit einmalig. Deutschlandweit besuchen gut 5000 Schulabgänger Studienkollegs und werden dort in der Regel innerhalb von 2 Semestern (min. 1 und max. 4 Semester) zur Aufnahme eines Studiums in Deutschland befähigt. In NRW schaffen von ca. 1100 Schulabgängern rund 800 die Feststellungsprüfung, welche zum Studium in Deutschland berechtigt.
Der Landesrechungshof empfahl nun allerdings in seinem Jahresbericht 2006 die Abschaffung der Studienkollegs. Er rechnete aus, dass jedem Besucher der Studienkollegs 5.350 Euro an Kosten für Lehrpersonal gegenüber stünden, was sich vor allem durch die Kleingruppen von in der Regel 10 Personen erkläre. Zudem gäbe es Ausgaben für weiteres Personal in Höhe von 490.000 Euro und sonstige Kosten für Einrichtungen etc. Dem stünden hingegen gerade mal 400 Studienanfänger aus Studienkollegs an NRWs Hochschulen gegenüber. Zugleich sei eine ganz neue Entwicklung zu beobachten. Während sich die Anzahl ausländischer Studierender in Deutschland mit direkter Hochschulzugangsberechtigung seit 1997 nahezu verdoppelt hätte, sei die Anzahl der Studenten aus Studienkollegs bei 2000 nahezu konstant geblieben.
Schaut man sich die Zahlen hingegen genauer an, so ist die Anzahl Studierender mit direkter Hochschulzugangsberechtigung zwischen 1997 und 2004 um 75% gestiegen, während die Zahl Studierender aus Studienkollegs immerhin noch um 31% gestiegen ist. Deutschland ist also im Allgemeinen für ausländische Studenten interessanter geworden. Diese Entwicklung gilt es weiter zu unterstützen und nun nicht künstlich abzubrechen. Der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) fordert deshalb sogar die Studienkollegs auszubauen, so wie es z. B. unsere „Elite-Universitäten“ LMU und TU München tun.
Laut einer HIS-Studie (Hochschul-Informationsservice) zum Studienverlauf im Ausländerstudium erzielten Studenten von Studienkollegs doppelt so gute Leistungen und waren deutlich schneller mit ihrem Studium fertig als ausländische Studenten mit direktem Hochschulzugang. Sie schließen ähnlich den deutschen Studenten ab, wodurch die Studienkollegs ihren Zweck voll erfüllen. Dies ist vor allem unter dem Aspekt zu betrachten, dass sich das Studienkolleg vor allem an Schulabgänger aus Ländern mit einem besonders schlechten Schulsystem und kaum ausgebauter Hochschullandschaft richtet.
Allerdings sieht der DAAD auch einigen Verbesserungsbedarf an unseren Studienkollegs. So wird man zur Zeit nur auf Grund seiner Herkunft an die Studienkollegs verwiesen ohne Berücksichtigung der individuellen Leistungsfähigkeit. Der DAAD fordert hier qualitative Auswahlverfahren an Hochschulen in Zusammenarbeit mit den Studienkollegs mittels ihres entwickelten „TestAS“, welcher vor allem Befähigungen und weniger bereits vorhandene Kompetenzen testet. Mittels dieser Testverfahren könnte der Zugang zu Hochschulen auch für deutsche, beruflich qualifizierte Bewerber ohne Hochschulzugangsberechtigung geöffnet werden.
Den direkten Hochschulzugang für Ausländer wird es nach dem DAAD in Zukunft dann nicht mehr geben. Somit würde zugleich die Stigmatisierung der Studienkollegs aufgehoben und sie könnten sich als besonders qualifizierte Einrichtungen der Studieneingangsphase etablieren, so wie es der Wissenschaftsrat in seiner „Empfehlung für die Reform des Hochschulzugangs“ auch für deutsche Studienanfänger empfohlen hat. In diesem Zusammenhang legt der DAAD nahe, dass die Studienkollegs sich in Zukunft weniger am deutschen Abitur als am angestrebten Studium orientieren. Studienkollegs sollen vielmehr der fachsprachlichen Vorbereitung aufs Studium dienen und fachliche Defizite ausgleichen. Zudem soll das Studienkolleg durch gezieltere Förderung schneller zum Erfolg führen und den Studienstandord NRW dadurch für Ausländer attraktiver machen.
Die Rüttgers-Regierung zieht aus der geringen Anfängerquote von Studierenden aus Studienkollegs die falschen Schlüsse. Dies ist kein Anzeichen für die Überflüssigkeit der Studienkollegs, sondern ein Manko unseres Hochschulsystems, welches es auszugleichen gilt.
Wenn Schwarz-gelb nur noch Studenten mit direktem Hochschulzugang an deutschen Universitäten zulassen möchte, schließt sie damit einen Großteil der Weltbevölkerung aus. Die neoliberale Front verkennt mal wieder die außenpolitische Verantwortung NRWs. Man vermisst bei ihr ein Gefühl für Verhältnismäßigkeit.
Die Abschaffung der Studienkollegs spart – und das auch nur oberflächlich betrachtet – zwar 4Mio Euro, dem stehen aber 52Mrd Euro gegenüber, die wir jährlich in den Entwicklungsländern umsetzen. Es wird zwar weiterhin private Studienkollegs geben, doch kommen 90% der angehenden ausländischen Studenten an den Studienkollegs aus Ländern in denen der Durchschnittsverdienst bei unter 190€ im Monat liegt. Davon lässt sich hierzulande nicht einmal eine Wohnung finanzieren.
In Münster ging die Anzahl der Studenten aus Entwicklungs- und Schwellenländern seit 2003 bereits um 20% zurück, doch scheint unsere Landesregierung an diesen Studenten nicht interessiert zu sein. Ganz im Gegenteil hat sich die Situation dieser Studenten seit der In-Kraft-Tretung des Gesetz zur Sicherung der Finanzierungsgerechtigkeit im Hochschulwesen (HFGG) noch erheblich verschlechtert. Seitdem wird von diesen ohnehin geplagten Studenten häufig noch zusätzlich zu Studiengebühren ein Beitrag für die Betreuung an Studienkollegs erhoben. Besonders interessant an diesem Gesetz ist, dass EU-Länder ausgenommen sind.
Hier wird aktiv Politik gegen Studierwillige aus Entwicklungs- und Schwellenländern betrieben.
NRW darf sich nicht aus der Verantwortung stehlen, NRW muss sich als Bildungsstandort behaupten, NRW braucht Studienkollegs!

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