G8 – Großdemo

Berichte

Zwei Wochen ist es nun schon her, dass ich um sieben Uhr morgens mit dem Attac-Sonderzug in Rostock einfuhr.
Mein Abteil teilte ich mir mit zwei Leuten vom Wiederaufbaukommitee zum Wiederaufbau der Kommunistischen Partei Deutschland. Entsprechend eifrig waren die beiden, durchaus sympathischen, Begleiter bei der Sache. Mehrere Pakete voll mit Propagandamaterial trugen sie mit sich und diskutierten zunächst, wann der beste Zeitpunkt sei dieses unter die Leute zu bringen.
Irgendwann kamen sie zu dem Entschluss, dass hinter Dortmund, also so gegen 2 Uhr, der beste Zeitpunkt sei, doch recht schnell kehrten sie ins Abteil zurück, unverrichteter Dinge.
Am nächsten Morgen dann das selbe. Ganz verduzt waren die beiden, dass die Leute lieber schlafen würden als ihre Erklärung, unter anderem auch von der Freien Deutschen Jugend unterzeichnet, zu lesen. Interessant war die Reise aber dank den beiden alle mal.

In Rostock begrüßten uns ein paar vereinzelte Polizisten und zig noch ziemlich verschlafen wirkende Demonstranten.
Wir, Fabian und ich, liefen erst einmal ziemlich planlos durch die Gegend, denn bis auf das Wie hatten wir uns eigentlich um nichts gekümmert und selbst die Tickets hatten wir erst am Bahnhof gekauft. So waren wir froh, dass wir ersteinmal auf Matthi und Konsorten warten durften, die zeitgleich mit dem Attac Bus aus Essen angekommen waren. Dann ging es spontan ins Camp Rostock, wo wir dann auch die komplette Woche blieben.
Den Weg dorthin erklärte uns eine ziemlich heitere Rostockerin, die gerade aus der Disco kam. Ansonsten hieß es einfach: immer der Masse nach!
Nachdem wir im Camp Rostock wieder ebenso planlos herumliefen wie schon am Bahnhof und beinahe in der Ecke der Hedonisten gelandet wären – dort lief die komplette Woche hindurch übelster Techno, was auf die Entfernung am Ende ganz angenehm war, aber direkt neben der Bassanlage doch für einige Kopfschmerzen gesorgt hätte – kamen wir schließlich im Attac Barrio unter. Dort sollten dann auch am Sonntag Kevin und Lisa ihr Zelt aufschlagen.
Meine Eltern trudelten dann auch recht bald im Camp Rostock ein und so ging es dann zur Großdemo.
Wir nahmen selbstverständlich am Klimablock teil – die Demo unterteilte sich in zwei Züge, dem Klimablock und dem rot-schwarzen Block. Dort traf ich zu meiner Überraschung auf zig bekannte Gesichter, so dass die Zeit bis zum Demobeginn schnell verging.
Schließlich liefen wir also direkt hinter Greenpeace bei den Grünen mit, wobei wir immer mehr zu Greenpeace tendierten – der DJ war einfach besser.
War dann auch eine sehr angenehme Demo. Wir haben die überwiegende Zeit getanzt und fühlten uns pudelwohl unter den zigtausend anderen Demonstranten. Die ganze Zeit über bekamen wir auch nur vereinzelt mal ein paar Polizisten zu sehen, die die Seitenstraßen absperrten. Allerdings kamen wir uns vor wie in einer Geisterstadt, denn so langsam fiel uns auf, dass außer den zigtausend Globalisierungskritikern niemand diese Stadt zu bewohnen schien.
Zwar sah man hier und da mal ein paar Gesichtern hinter den Gardinen hervorgucken, aber auf den Straßen war niemand außer uns zu sehen.
Patrick, der im schwarz-roten Block mit Erlassjahr mitgelaufen war, berichtete mir, dass es dort wohl noch trostloser zuging, da bei ihm sogar sämtliche Geschäfte verrammelt waren.
Da stellte sich natürlich schon die Frage, was die Rostocker für ein Bild von uns Globalisierungskritikern haben. Sie schienen ja geradezu einen tobenden Mob erwartet zu haben, dem man besser aus dem Weg geht.
Auf jeden Fall begegneten wir auf unserem Weg zum Stadthafen so gut wie keinem Rostocker und das sollte sich bis Montag auch nicht ändern. Erst am Dienstag entspannte sich die Lage merklich.
Dennoch waren wir alle gut drauf als wir am Hafen ankamen. Für uns ging es direkt zur Bühne, wo sich alsbald ein Meer aus grünen Fahnen auftat, direkt hinter dem Meer aus roten Fahnen, die es doch tatsächlich noch näher an die Bühne geschafft hatten.
Dort vereinigten sich dann auch die beiden Demozüge und wir trafen somit auf weitere bekannte Gesichter. Es gab zig Umarmungen und die Stimmung war prächtig. Wie üblich waren die ersten Redner kaum zu ertragen, aber man hatte sich selbst ja genügend zu erzählen.
Empört haben wir uns alle über den Hubschrauber, der seine Runden über den Platz drehte und dabei einen Höllenlärm veranstaltete. Deshalb bejubelten wir auch die Redner, die von der Polizei forderten diesen bescheuerten Hubschrauber ab zu ziehen. Ohnehin änderte sich das Bild am Stadthafen recht schnell. Begegneten wir beim Demozug keinem Dutzend Polizisten, war der Platz am Stadthafen umzingelt von Polizisten oder vielmehr Polizeiwagen, ein menschliches Wesen ist mir an dem Tag in den Reihen der Polizei nicht aufgefallen.
Der Hubschrauber blieb aber und die Demoleitung unterbrach die Redner und Bands immer häufiger, um sich an die Polizei oder vielmehr eigentlich an uns zu wenden. Sie riefen die Polizei auf ihre Provokationen einzustellen und abzuziehen. Zugleich folgte aber auch der Appell an uns Demonstrationsteilnehmer, die Polizei auch abziehen zu lassen.
Amüsant fanden wir die Drohungen der Demoleitung die Demo zu beenden, falls die Polizei sich nicht zurückziehen würde.
Das Spielchen ging eine ganze Weile so weiter. Bis auf einmal der Sänger der Band aufhörte zu singen und uns aufrief sich mit den Demonstranten, die am Rande der Demo gerade von der Polizei festgenommen werden zu solidarisieren. Die Demoleitung revidierte diese Aufforderung sofort und man merkte, dass ihr das Ruder allmählich aus der Hand geriet. Peter Wahl, Demoleiter und Begründer von Attac, distanzierte sich in aller Öffentlichkeit vom schwarzen Block und forderte uns auf zur Bühne zu kommen und dem schwarzen Block keinen Schutz mehr zu gewähren.
Damit war die Debatte gestartet, die die nächsten Tage nicht nur die Medien, sondern auch die Globalisierungskritiker selbst hauptsächlich beschäftigen sollte: Wie stehen wir zum schwarzen Block?
Für mich zunächst entscheidender war die Frage danach, was der schwarze Block überhaupt sei.
Aber noch wichtiger schien mir mein Hunger zu sein. Immerhin war es inzwischen gegen 17 Uhr und das Frühstück war lange her. So machten wir uns auf die Suche nach einer uns genehmen Fressbude, doch die Menschenschlangen reichten ins Unendliche, so dass wir den Hunger dann doch vorzogen. Außerdem musste ich meine Mutter beruhigen, die am liebsten nach Hause gefahren wäre, weil ihr der Ärger zwischen Polizei und schwarzem Block ziemlich zu schaffen machte. So erklärte ich ihr also, dass es so ein paar Randalierer immer gäbe, man davon aber nicht weiter betroffen sei, wenn man sich nicht gerade direkt zu ihnen gesellt. Klar hatte auch ich nicht mit so einem Konflikt gerechnet, aber deswegen wollte ich mir auch nicht die Demo verderben lassen und so ging es den meisten, weswegen das Gelände auch voll blieb.
Doch urplötzlich sah ich pechschwarzen Rauch am Himmel. Jeder Versuch einer Beruhigung meiner Mutter war ad absurdum geführt, so dass ich meine Eltern weit ab vom Geschehen stehen ließ und vorgab mich ins Getümmel zu stürzen. Klar war hier meine Sensationslust und meine Neugierde stark herausgefordert worden und so erging es nicht nur mir. Die Menschenschlangen vor den Fressbuden waren nämlich allesamt aufgelöst.
Man wäre ja dumm, wenn man die Gelegenheit nicht nutzen würde und so holte ich mir gebratene Nudeln, während gerade keine 200m entfernt ein – wie ich aber erst am nächsten Tag erfuhr – Auto brannte und die Polizei Wasserwerfer einsetzte.
Fand ich irgendwie eine passende Reaktion, auch wenn diese zur Löschung des Konflikt- und nicht des Brandherds eingesetzt wurden oder besser werden sollten, denn sie fuhren doch recht willkürlich in die Menge der Demonstranten und tränkten jeden, der gerade zur falschen Zeit am falschen Ort war.
Ich war mit meinen gebratenen Nudeln glücklicherweise am richtigen Ort, weiterhin direkt an der Bühne, wo die Demoleitung gerade ihre Kapitulation erklärte und die Wasserwerfer begrüßte – Applaus!
Der Menge war im Anblick des schwarzen Rauchs sehr wohl bewusst, dass der schwarzen Block hier definitiv zu weit gegangen war und war froh, dass sie sich nicht selbst mit dem schwarzen Block auseinander setzen mussten.
Nach einer geschätzten halben Stunde war alles vorbei. Juli begann zu spielen und als Wir sind Helden auftraten sprang die Menge gut gelaunt gemeinsam über den imaginären Zaun.
Uns allen war trotz der unerwarteten und verstörenden Eskalationen an diesem Tag klar: Wir sind gekommen um zu bleiben!

Veröffentlichung im SPUNK.

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2 Gedanken zu “G8 – Großdemo

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